Unten am See
Episoden einer Jugend
gebunden, 160 Seiten
April 2015Die beiden Knaben Franz und Bruno, beide im Unterdorf wohnhaft, sitzen oft stundenlang am See, angeln und nehmen auch wahr, was sich im Dorf abspielt. Franz ist der Sohn eines Trinkers. Seine Mutter arbeitet tagsüber in einer Schokoladenfabrik. Bruno, ursprünglich Italiener, lebt allein mit seiner tschechischen Mutter. Aufgrund der Herkunft der Knaben werden deren schulische Leistungen ungenügend bis schlecht beurteilt. Wenn Franz und Bruno nicht gerade angeln, den Strassenverkehr beobachten oder im Wald Tiere zählen, bauen sie Hütten oder versuchen zu ergründen, auf welchen Wegen sich Männer und Frauen im Dorf zu unmoralischem Treiben finden. Mit jugendlichem Leichtsinn fahren sie später mit den Mofas hinter den Mädchen her und erleben eine Pubertät voller Träumereien, Ängste und Drangsal. Als Kinder inspiriert vom Kasperlitheater im «Dutti-Park», produzieren sie als Erwachsene eine Minioper.

Bildrechte: Monica Boirar Beurer
Pressestimmen
«Hans Suter hat mit dem Erinnerungsbuch ‹Unten am See› der Gemeinde Rüschlikon ein Dorfporträt beschert.» Zürichsee-Zeitung
«Zu den Aufenthalten im ganz eigenen Revier der beiden finden sich in den Erinnerungen die feinsten Passagen.» p.s. Zeitung
«Zweifellos dürfte das Buch die Einwohner von Rüschlikon interessieren und bei andern Leserinnen und Lesern Erinnerung an vergangene Zeiten wachrufen. Auch wer hinter die Kulissen einer Theaterproduktion blicken will, erhält hier Anschauungsunterricht.» Heinrich Boxler
Entdecken
Franz, das Kind aus dem Unterdorf, sass manchmal einfach hinten auf den Brückenwagen und fuhr mit. Keller hatte nichts dagegen einzuwenden, manchmal gab es auch mehrere leichtere Gepäckstücke abzuliefern, und Franz half dann emsig mit. Danach setzte er sich wieder hin, der Wagen schaukelte, und der Zigarrenrauch wehte ihm um die Nase. Keller musste jeweils zur selben Zeit und am gleichen Ort das Wasser abschlagen. Mitten im Dorf gab es einen kleinen Bauernhof, dort hielt er immer an. Bei der Scheune war ein hölzernes Gestell angebracht, worauf früher Torf getrocknet worden war. Jetzt diente es als Abstellfläche für allerlei Gerätschaften und Gartenwerkzeug. An einen dieser senkrechten Pfosten pisste Keller. Der Pfosten war schon halb durchgefault, und das ganze Gestell fiel später Keller, während er sein Geschäft verrichtete, auf den Kopf.
Wenn nur wenige Güter am Bahnhof abzuholen waren, schickte Keller Franz mit dem Leiterwagen los, damit er die Sachen zu Fuss hinbringe; nur ins Unterdorf, ins Oberdorf wäre es zu anstrengend gewesen. Manchmal waren es auch Güter für Keller selber, etwa ein Käselaib oder Süssigkeiten, die er neben Milchprodukten auch noch verkaufte. Als Belohnung für seine Arbeit bekam Franz eine Handvoll Bonbons oder manchmal ein schönes Stück Käse, mit der Ermahnung, den nicht gleich aufzuessen, sondern nach Hause zu bringen, denn Keller wusste, dass bei der Schreinerfamilie nicht alles zum Besten bestellt war.
Als er einmal in der Frühe bei Blöchlingers Milch brachte und Franzens Mutter eben die Treppe hochging, griff er ihr unter den Rock. Darauf schlug ihm Frau Blöchlinger einen Lauchstengel um die Ohren, den sie für die Suppe, die sie morgens für Mann und Kind vorbereitete, aus dem Keller geholt hatte. Ohne beleidigt zu sein, sagte Keller: «Schon gut, schon gut, ich dachte, Sie würden sicher von Ihrem Mann vernachlässigt, und wer nichts wagt, gewinnt nichts.» Daraufhin durfte Franz eine Zeitlang nicht mehr mit dem Milchmann mitfahren. Als er wissen wollte, weshalb, meinte die Mutter nur: «Das geht dich nichts an!» Ihrem Mann hat sie nichts davon erzählt, weil der sie bestimmt verdächtigt hätte, den Mann provoziert zu haben.
