Rascal
Laure Wyss

Rascal

Mit Illustrationen von Klaus Born

100 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Februar 1999
SFr. 29.80, 29.80 €
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978-3-85791-328-0

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Schlagworte

Lyrik
     
Auch in ihrem zweiten Gedichtband vertraut Laure Wyss dem Rhythmus der Sprache und des eigenen Gedankengangs.So entstehen Texte des scheinbar Absichtslosen, Momentanen, Fragmentarischen. Es überlagern sich Nähe und Ferne, Gewesenes und Gegenwärtiges in immer neuen Variationen. Der Erfahrung der Vergänglichkeit, die den dunklen Hintergrund bildet, wird entschlossen eine starke Lebenskraft entgegengestellt.

«Literatur, die keine Zweifel aufkommen lässt, dass Degagement nicht das Gegenteil von Engagement ist, sondern eine verschwiegenere oder auch verschmitztere Form davon.» Basler Zeitung
Laure Wyss
© Ruth Vögtlin

Laure Wyss

Laure Wyss ist am 20. Juni 1913 in Biel/Bienne geboren und dort in die Schule gegangen. Nach der Matura (1932) Sprachstudium in Paris, Zürich, Berlin. Abschluss in Zürich, Lehrerinnenpatent für Deutsch und Französisch, Heirat. Die Kriegsjahre erlebt sie in Schweden und Davos. Sie übersetzt für den «Evangelischen Verlag», auf Anregung des Leiters Arthur Frey aus dem Schwedischen, Norwegischen und Dänischen Widerstandsschriften der skandinavischen Kirchen gegen die deutsche Besatzungsmacht.

1945 Scheidung und fortan in Zürich wohnhaft. 1946 –1948 Redaktorin beim «Schweizerischen Evangelischen Pressedienst». 1949 Geburt eines ausserehelichen Kindes und freie Journalistin. 1950—1962 als Redaktorin beim «Luzerner Tagblatt»; 1958—1967 Redaktorin beim Schweizer Fernsehen. Sie gestaltet das erste Programm für Frauen, später die Diskussionssendung «Unter uns». 1962 tritt Laure Wyss in die Redaktion des «Tages-Anzeigers» ein. 1970 Mitbegründerin des «Tages-Anzeiger Magazins». Seit ihrer Pensionierung 1976 als Schriftstellerin und freie Journalistin für Zeitungen und Radio tätig. Für ihre literarische Arbeit wird sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Werkjahr der Max-Frisch-Stiftung, dem Grossen Literaturpreis des Kantons Bern und der Goldenen Ehrenmedaille des Kantons Zürich. Laure Wyss starb am 21. August 2002 in Zürich.

 

Zur Biografie von Laure Wyss siehe auch:

Barbara Kopp: Laure Wyss. Leidenschaften einer Unangepassten

Ernst Buchmüller: Laure Wyss. Ein Schreibleben, DVD

Corina Caduff (Hg.): Laure Wyss: Schriftstellerin und Journalistin

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What a surprise

Der Schlehdorn blüht,
und dort, am dürren Waldrand,
das zarte Weiss
der schlanken Wildkirsche.

Damals die ersten Schritte
der Kinderbeine.
Das Glück der Landschaft
ist geblieben, lebt noch
im leisen Erschrecken
vor so viel Schönheit.

Licht, Licht,
von unten, von oben,
von allen Seiten
dringt Licht.

Strassen hinauf,
Strassen hinunter,
eine leichte Fahrt.
Schwarze Erde, Felder
im Seeland.

Jetzt heissen die Serren
Tunnels und
Plastik ersetzt das Glas.
Die umhüllende Wärme drin
ist geblieben.

Auf dem Chasseral noch Schnee.
Die Grossmutter nannte ihn
Gäschtler,
das hat das Kind nie notiert.

Eine Woche lang

Montag

Gib mir die Hand.
Es ist besser, zu zweit
in den Tag zu gehen.
Deine Hand ist warm,
ich fühle, wie du atmest;
ich gebe dir meine Hand
für die Woche.
Zusammen werden wir achtgeben
auf alles, was kommt.

Dienstag

Ein Morgenlied für
diesen Tag?
Die Lerche, die hochsteigt,
ist fern,
auf der Insel,
wo ich wohnte.
In der Stadt
genügt mir
das Gurren
der Wildtaube.
Am Nachmittag,
wenn sie Krumen
pickt auf dem Rasen,
bescheint ein Sonnenstrahl
ihr grünes und rotes
Gefieder am Hals.

Mittwoch

Heute will ich ein
Gedicht schreiben.
Wozu, fragst du.
Ich weiss es nicht.
Es tröstet mich
zu schreiben,
zu sagen, was
gut war,
was traurig,
was vorbeiging –
und uns zeichnet.




«So neu die Gedichte im Werk von Laure Wyss auf den ersten Blick anmuten, poetische Bilder und sprachliche Aussparungen haben sich bereits in ihren früheren Prosatexten gefunden. Doch jetzt – in den Gedichten – stehen sie für sich, sind befreit von den Zwängen der Logik und verdichtet zu eigenen Sprachwelten.» Berner Zeitung

«Laure Wyss' Gedichte sind leise, aber nicht ohne Intensität und Intention. Was du suchst, ist bei dir - das ist ihr Trost. Trost, der keiner ist. Es bedeutet nicht in erster Linie, dass du hast, was du brauchst. Denn was du hast, hast du zuviel: «Weg mit dem Verwirklichten!» lautet einer der Imperative. Gedichte, die zum Imperativ neigen - man wird es ihnen verzeihen, denn er ist privat und ein Ausdruck der konkreten Gegenwärtigkeit, die diese Poesie ausmacht.» Neue Zürcher Zeitung

«Wenn man sie in ihrer Reihenfolge mit Zeit und wiederholt liest und die Sprachbäder genau betrachtet, beginnt eine Frage Kontur anzunehmen, die allen Gedichten zugrunde liegt. Die Frage lautet: Wie kann man sich in unserer Welt heimisch fühlen? Die Welt, von der in diesen Gedichten die Rede ist, ist nicht irgendeine, sondern die Welt dieses zwanzigsten Jahrhunderts, die Laue Wyss erlebt hat und auf die sie zurückblickt. Es ist der Duft von Heu aus der Kindheit im Berner Oberland lange vor dem Zweiten Weltkrieg, es sind die Erinnerungen an die Zeit des Krieges, die Laure Wyss in Schweden verbracht hat die Erinnerungen an die Flüchtlinge, an das Elend, den Schrecken. Es ist die Zeit in der Schweiz als allein erziehende und berufstätige, schreibende Mutter, es ist die Zeit des Alters und auch des Krankseins, und es sind immer wieder die Reisen. In einer Liebe, hat Walter Benjamin einmal geschrieben, suchen die meisten ewige Heimat, andere, und nur sehr wenige, das ewige Reisen. Dies sind, so Benjamin, die Melancholiker, sie suchen jene, die ihnen die Schwermut der Heimat fern halten. Fast scheint es, als ob sich Laure Wyss in ihren Gedichten zu diesen geselle.» WochenZeitung

«Am schönsten, am gültigsten, am bleibendsten aber sind, als sollte die Erkenntnis von ‹Pier 21› - dass sich erlittenes Leid nicht an die kommenden Generationen vermitteln lasse - poetologisch bestätigt werden, jene Gedichte in diesem Band, die ganz Stimmung, Empfinden, Bild und Atmosphäre - und gerade darum sehr viel mehr! - sind. ‹Dezember zuhause› z. B., oder ‹Das Käuzchen ruft›, ein auf den ersten Blick harmloses Naturgedicht, das aber, genauer betrachtet, auf rätselhaft-verschlüsselte, grossartige Weise bis in die Tiefen der europäischen Todesmystik hinabreicht.» Der Bund
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