Das Kreuz mit dem Pass
Christian Dütschler

Das Kreuz mit dem Pass

Die Protokolle der «Schweizermacher»

Mit einem Vorwort von Rolf Lyssy

240 Seiten, Broschur, mit zahlreichen Dokumenten
Januar 1998
SFr. 29.–, 34.– €
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978-3-85791-295-5

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Sachbuch
     
Schon kurz nach zehn Uhr morgens sind alle Betten gemacht, stellt der Einbürgerungsbeamte bei seiner Überraschungsinspektion befriedigt fest. Nachbarn hatten einhellig behauptet, es herrsche eine «Schweineordnung sondergleichen» in der Wohnung. Helfen werden aber am Ende auch die gemachten Betten nicht.

Wer einen Antrag auf das Schweizer Bürgerrecht stellte, wurde von der Behörde gründlich durchleuchtet: vom Sexualleben über die Arbeitsmoral bis zur politischen Einstellung. Unterstützt von auskunftsfreudigen Nachbarn und Berufskonkurrenten, entging den Beamten kein noch so pikantes Detail. Denn wer in ihren Augen der Schweiz «nicht zur Ehre gereichen» würde, sollte auf keinen Fall einen Schweizer Pass erhalten. Die vielfältigen Gründe, die zu einer Ablehnung führen konnten, zeigt Christian Dütschler an 24 Lebensgeschichten. Sie sind aus den Akten abgewiesener Einbürgerungskandidaten zusammengestellt, die bisher unter Verschluss waren.

«Bei der Lektüre ist mir mit erschreckender Deutlichkeit bewusst geworden: Was ich im Schweizermacherfilm als reine Fiktion gestaltete, wurde in der Realität an Unglaublichkeit weit übertroffen. Es sind Lebensgeschichten von Menschen, die von den Behörden aus abstrusen Gründen nicht als rechte Schweizer anerkannt wurden. Die Schicksale, die dem Leser zur Kenntnis gebracht werden, haben ausnahmslos das Potential filmreifer Storys, die in ihrer Absurdität und Widersprüchlichkeit zum Teil nachgerade kafkaeske Dimensionen aufweisen.» Rolf Lyssy im Vorwort des Buches
Christian Dütschler
© Limmat Verlag

Christian Dütschler

Christian Dütschler, geboren 1969, studierte in Zürich Geschichte, Politologie und Publizistik und schrieb seine Lizentiatsarbeit über das Thema Einbürgerung. Seit 1995 Redaktor beim Schweizer Fernsehen («Kassensturz»).

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Wie Nachbarn mit wilden Gerüchten ihre Vermieterin als Mieterschreck und Männerverführerin unmöglich machen

«Nachdem ich mich nun hier in Zürich als ‹zu Hause› fühle, bitte ich Sie höflich, meinem Einbürgerungsgesuche zu entsprechen.» Mit diesen Zeilen beantragt die deutsche Staatsangehörige Hilde Preisig 1963 die Einbürgerung in der Stadt Zürich. Seit 25 Jahren lebt sie dort. Inzwischen habe sie sich «vollständig akklimatisiert». Geld zum Leben verdient sie mit der Vermietung von Zimmern.

Als Detektivwachtmeister Keller von der Zürcher Stadtpolizei zwecks Verfassung des Leumundberichts bei der 56jährigen Bewerberin an der Bächtoldstrasse 15 vorspricht, interessieren ihn nicht die vermieteten Doppelzimmer, sondern die Wohnung von Hilde Preisig. Er inspiziert die Zimmer. Später wird er notieren: «Bei der persönlichen Vorsprache in der Wohnung traf ich diese in guter Ordnung.» Die Bewerberin mache einen guten Eindruck. «Sie spricht deutschen Dialekt, etwas mit Schweizerdeutsch durchsetzt.» Einzig ihre Äusserung, «sie sei völlig religionslos, gehöre auch keiner Sekte oder ähnlichen Gemeinschaft an, sie sei freidenkerisch erzogen worden», ist für Detektivwachtmeister «etwas befremdend». Routinemässig fragt er die deutsche Staatsangehörige nach abonnierten Zeitungen, ein möglicher Hinweis auf die politische Einstellung. Nichts Verdächtiges. Hilde Preisig ist lediglich Abonnentin der «Tat» und des «Tagblattes der Stadt Zürich». Der Punkt «Politische Einstellung» ist damit schon abgehakt. Keinerlei Verdacht. Keine Beunruhigung. Eine klare Sache.

Das «Tagblatt der Stadt Zürich» hat auch eine frühere Nachbarin von Hilde Preisig abonniert. Vier Jahre lang haben die beiden Frauen zusammen im selben Haus an der Bächtoldstrasse gewohnt. Als Petra Frehner eines Tages im Frühling 1964 das Tagblatt aufschlug, muss ihr der Name Preisig ins Auge gesprungen sein. Erstaunlich: War sie doch bereits vor 15 Jahren ausgezogen. Trotzdem: An diesen Namen konnte sie sich genau erinnern. Unter den amtlichen Bekanntmachungen war er aufgelistet: Hilde Preisig, Einbürgerungskandidatin. Das war nicht immer so. Die Namen werden erst seit dem Zweiten Weltkrieg vorgängig veröffentlicht. Die Behörden bekamen so immer wieder interessante Hinweise aus der Bevölkerung. Manchmal meldeten sich Arbeitgeber, ein geschiedener Ehepartner oder, wie in diesem Fall, die ehemalige Nachbarin Petra Frehner. Häufig lieferten Nachbarn Informationen, welche die Bewerber selber niemals preisgegeben hätten.

Und tatsächlich. Nach der Lektüre des «Tagblattes» schreibt Petra Frehner einen dreiseitigen Brief an die Behörden und drückt darin ihre Empörung aus über eine allfällige Einbürgerung der deutschen Bewerberin: «Das fehlte gerade noch. Jetzt wären wir Schweizer gerade gut genug dazu. Aber uns Schweizer auf ganz gemeine Art zu behandeln, das konnte sie ganz gut.» Weshalb diese Empörung? Hilde Preisig hatte zunächst allein in der Stadt eine Wohnung gemietet, zog dann wieder zu ihren Eltern an die Bächtoldstrasse. Die ehemalige Nachbarin wusste den Grund für den Umzug und schreibt in ihrem Brief, der voll von Rechtschreibefehlern ist: «Es war scheint's zu viel gewesen, wie Sie es getrieben, mit Männern meist Verheirateten, dass ihr die Wohnung weggenommen würde.»

Ob diese Vorwürfe tatsächlich zutreffen oder nur freie Erfindungen einer neidischen Nachbarin sind, ist schwer zu sagen. Tatsache ist: Hilde Preisig muss gut ausgesehen haben. Während ihrer Berufslaufbahn bekam sie viele Anstellungen als Mannequin. Nach ihrer kaufmännischen Lehre in Berlin war sie als 15jährige junge Frau nach Zürich gekommen. Sie machte eine Zweitausbildung als Modistin, wo sie Damenhüte fertigen und reparieren musste. Dann arbeitete sie als Mannequin in der Damenkleiderfabrik Elegant AG, als Verkäuferin und Schneiderin im Warenhaus Herger AG und betätigte sich neben dem Haushalt immer wieder als Mannequin. Weniger glücklich verlief ihr Eheleben. Mit 32 liess sie sich wegen «tiefer Zerrüttung» von ihrem Mann scheiden, beide hätten es an «ehelicher Treue fehlen lassen».

Als Hilde Preisig von ihrer eigenen Wohnung an die Bächtoldstrasse zu ihren Eltern zog, war sie bereits wieder Single. Und verärgerte mit ihren Männerbekanntschaften die Nachbarin im Haus, die mit ihrem Brief gegen die Einbürgerung protestierte: «Aber O weh, als diese ins Haus kam, gab es für Mieter wie Nachbarn und ihre eigene Mutter nichts mehr zu lachen. Wie die sich benommen hat, ist eine Schande. Mit Vorliebe zog Sie verheiratete Männer an. Kaum war ein Auto abgefahren, fuhr schon wieder das nächste vor. Es machte Ihr nichts aus nackt ans offene Fenster zu stehen, dass sogar Kinder die Mutter fragten, was das wäre. Auch wie Sie im Treppenhaus herumgelaufen ist, unverschämt, von Moral keine Spur. Auch nackt auf die Dachzinne gegangen, wo sie alle sehen konnten. Besonders wo es rings herum Häuser hat.»

Petra Frehner empört sich derart stark, dass sie Hilde Preisig gleich nach Deutschland verwünscht: «Was die nicht alles wusste zu Nörgeln, an allem hatte Sie auszusetzen. Der Kopf hing so hoch, von einem Gruss abnehmen keine Spur. Die soll nach Berlin dort kann Sie die Deutschen schikanieren und bei verheirateten Männern einziehen.» Bis hin zu den alltäglichen Haushaltsarbeiten unterstellt sie der Bewerberin Böswilligkeit: «Auch den Flaumer voll Dreck der Nachbarin auf die frisch aufgehängte Wäsche zu schütten, das ist immer wieder das gleiche.» Noch schlimmer: Wenn Petra Frehner sich einmischte, wurde ihr nur bedeutet, den Mund zu halten: «Eine solch freche Berliner Schnäuze, danke schön auf keinen Fall. Das haben wir Schweizer nicht nötig. Jetzt wo es mit den Männern nicht mehr zieht, will man schnell Schweizerin werden. Das fehlte gerade noch.»

Um den Wahrheitsgehalt ihres Schreibens zu unterstreichen, betont Petra Frehner, dass sie keine Fremdenhasserin sei: «Denken Sie nicht, dass ich gegen alle Ausländer so gesinnt wäre. Die recht und gut sind, warum nicht. Auch unsere alten Schweizer im Grabe würden sich für solche Nachfolger bedanken. Sie haben gekämpft für ein sauberes Heimatland. Mit Morgenstern und Helebarde, Schwert und Brand, unsaubere Elemente ausgetrieben. Darin sind wir verpflichtet, die wir noch Leben, gute Wache zu halten. Darum mein Heimatland wach auf. ‹Fürs guete wei mer führe stah und Schlechtigkeit nöd inne lah'. In meinen Adern fliesst noch echtes altes Schweizerblut. Ich bin zu einer persönlichen Aussprache gerne bereit. Zu diesen Zeilen steh ich, und wenn es bis vor das Bundesgericht kommen sollte. Diese Preisig-Renner mein Dankeschön. Mit höflicher Hochachtung grüsst Sie Frau Petra Frehner.» Punkt.

Ihre Einsprache hat die ehemalige Nachbarin gegenüber den Einbürgerungsbehörden damit begründet, dass sich Hilde Preisig «zur Zeit Adolf Hitlers unschweizerisch gezeigt habe». Das lässt aufhorchen. Obwohl die Bewerberin laut Leumundsbericht «einen guten Eindruck» macht, schickt man ein zweites Mal den Detektivwachtmeister Keller vor, um zusätzliche Abklärungen zu treffen. Ergebnislos: Er habe auch bei einer «neuerlichen Nachfrage niemand treffen können, der diesbezüglich etwas Nachteiliges zu sagen in der Lage gewesen wäre».

Die weiteren Abklärungen nimmt der Einbürgerungsbeamte Dr.•jur. Jakob Fruttiger an die Hand. Um die politische Gesinnung der Kandidatin herauszufinden, lädt er die frühere Nachbarin Petra Frehner zu einer Einvernahme vor ...
Neue Zürcher Zeitung, 8. Oktober 1998
Neue Luzerner Zeitung, 22. Januar 1999

«Selten ist bereits das Inhaltsverzeichnis eines Buches unterhaltend. Es wird klar, dass wilde Gerüchte um eine Männerverführerin, ein Unfall, das Alter, politische Ansichten, eine Reise oder ein Kleiderkauf die gleichen Konsequenzen auf die Bewerber haben: Abweisung. Nicht einmal beste Referenzen können Einbürgerungswilligen helfen, wenn sie zum Beispiel jüdisch sind.
Wenn die Geschichten nicht so traurig wären, könnte laut gelacht werden. Auch Rolf Lyssy, Regisseur von ‹Der Schweizermacher›, bemerkt im Vorwort: ‹Bei der Lektüre ist mir mit erschreckender Deutlichkeit bewusst geworden: Was ich im Schweizermacherfilm als reine Fiktion gestaltete, wurde in der Realität an Unglaublichkeit weit übertroffen.›» Natalie Ehrenzweig, Neue Luzerner Zeitung

«Man liest die Beispiele mit einer Mischung von Schmunzeln und Kopfschütteln, auch wenn die Lektüre mit der Zeit etwas ermüdet, weil die Fallhöhe immer dieselbe ist: Am Ende jedes Beispiels steht immer die Abweisung des Gesuchs; bloss die Begründungen wechseln.
Wenn der Leser sich am Ende über den Zeitgeist wundert, dem die damalige Politik Tribut zollte, und die Engstirnigkeit und das Bünzlitum der damaligen Beamten nicht verstehen kann, so ist das bestimmt im Sinne des Autors. Doch würde man gerne über eine quantitative Einordnung verfügen: Sind die 24 Fälle, die sich über einen Zeitraum von fast 80 Jahren erstrecken, nur die Spitze des Eisbergs, oder besteht das Buch aus der vollständigen Sammlung der krassen Fehlentscheide? Zudem weicht der Autor dem schwierigeren Aspekt seines Themas elegant aus, indem er sich der Frage nicht stellt, nach welchen Kriterien seiner Meinung nach einbürgerungswillige Ausländer heute ins Bürgerrecht aufgenommen werden sollten.» Neue Zürcher Zeitung
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