Im Herzen waren wir Indonesier

Im Herzen waren wir Indonesier

Eine Bernerin in den Kolonien Sumatra und Java 1920–1945

Herausgegeben von Christa Miranda, Paul Hugger

Das volkskundliche Taschenbuch [45]

gebunden, 1. Auflage, 512 Seiten, 70 Abb.

November 2007
SFr. 54.–, 58.– €
ISBN 978-3-85791-526-0

25 Jahre verbrachte die Bernerin Gret Surbek in Indonesien – von 1920 bis 1945. Sie erlebte so die Phase der holländischen Kolonialzeit in Niederländisch-Indien und anschliessend die Jahre der japanischen Besatzung während des Zweiten Weltkrieges. Als 19-jähriger Backfisch aus gutem Haus war sie ohne jegliche Auslanderfahrung ihrem Traummann, dem Berner Tropenarzt Kurt Surbek, in den Dschungel Sumatras nachgereist. Während er an verschiedenen Plantagenspitälern arbeitete, betreute sie den Haushalt und die beiden Kinder. Später zog die Familie nach Bandung auf Java und baute dort ein Sanatorium auf, bis der Weltkrieg eine grosse Zäsur in ihr Leben brachte.
Nach der Rückkehr in die Schweiz verarbeitete Gret Surbek ihre Tagebücher zu umfangreichen Memoiren. Diese zeugen von einer Frau, die sich schon früh intensiv mit den angestammten Kulturen Indonesiens beschäftigte und die sich manchmal über die koloniale Arroganz der Holländer ärgerte, aber auch offen zu ihren eigenen Fehlern stand.

Gret Surbek
Bildrechte: Limmat Verlag
Gret Surbek-Herzog (1901–1982) verliess mit 19 Jahren ihre Heimatstadt Bern, reiste allein nach Singapur und heiratete den «jungen, gutaussehenden, vielversprechenden Mediziner» Kurt Surbek. Sie zog zwei Kinder auf, beteiligte sich an archäologischen Ausgrabungen und lernte Kultur und Menschen kennen. Das Paar unternahm ausgedehnte Reisen nach Siam, Indochina, Bali und Indien. Während des Krieges war Kurt Surbek als IKRK-Delegierter tätig. 1946 kehrte die Familie über Australien in die Schweiz zurück. Nach dem Tod ihres Mannes 1947 lebte Gret Surbek in Bern und Iseltwald.
Paul Hugger
Bildrechte: Yvonne Böhler
Paul Hugger, 1930–2016, Studium der Volkskunde, Ethnologie und Romanistik, em. Ordinarius für Volkskunde an der Universität Zürich. Zahlreiche Publikationen über Schweizer Fotografen, zur Alltagsfotografie, Herausgeber u. a. des Handbuchs der Schweizerischen Volkskultur, «Kind sein in der Schweiz. Eine Kulturgeschichte der frühen Jahre», Herausgeber der Reihe «Das volkskundliche Taschenbuch» und Mitherausgeber «FotoSzene Schweiz» im Limmat Verlag.
P.S., 17. Januar 2008
Schweizer Volkskunde (Korrespondenzblatt der Schweiz. Gesellschaft für Volkskunde), Dezember 2007
Heimberger Dorfbote, Januar 2008
Panorama_Indonesien-Magazin, 18. Januar 2008
Neue Zürcher Zeitung, 9./10. Februar 2008
Neue Zürcher Zeitung, 9./10. Februar 2008
Korrespondenzblatt der Schweiz. Gesellschaft für Volkskunde, Februar 2008
Berner Oberlaänder, 28. Februar 2008
Kloster Einsiedeln 2/08
Schweizer Monatshefte, Nr. 961, Mai 2008
Der Landbote, 29. Juli 2008
«Siesta» DRS 1, 13. November 2008
Lettre de penthes, printemps 2008
FAMA (Feministisch-theologische Zeitschrift) 1/09
Korrespondenzblatt der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, März 2009
Archipel 78, Paris, 2009
Literacycoffee, Medan, 9. Oktober 2019
Sastradunia, Jakarta, 10. Oktober 2019
StuDeO, Dezember 2020
 

«Der weitverzweigten Lebensrückblick einer Frau, die allerdings etwas zu erzählen hat. 25 Jahre verbrachte Gret Surbek mit ihrem Mann, einem Tropenarzt, in Indonesien. 1920, als neunzehnjähriger Backfisch, packt Gret ihr Bündel; ohne Auslanderfahrung bricht sie in die exotische Welt Indonesiens auf. Erst 1946 kommt sie mit ihren Kindern wieder in die Schweiz zurück. Die Surbeks erleben die holländische Kolonialzeit in Niederländisch-Indien und die Jahre der japanischen Besetzung während des Zweiten Weltkrieges. Was sich in der Kurzfassung wie ein Waschzettel liest, sind allerdings aufwühlende private Memoiren, verfasst von einer sensiblen und kritischen Frau, die das Unrecht – die Schlussphase der holländischen Kolonialherrschaft und den brutalen Asienfeldzug der Japaner – auch nach der Rückkunft nicht aus ihren privaten Annalen tilgt.» Neue Zürcher Zeitung

«Von faszinierenden, durch kritische Empathie geprägten Beobachtungen von Land und Leuten, bis hin zu einer sehr zurückhaltend beschriebenen Familientragödie, enthält dieses von der Enkelin der Autorin klug gekürzte und mit erklärenden Zwischentexten versehene Tagebuch alles, was zu einem grossen Leseerlebnis gehört.» Schweizer Monatshefte

«Sie war unerschrocken und neugierig. Die Bernerin Gret Surbek streift in Indonesien alle Vorurteile ab wie eine lästig gewordene zweite Haut. In ihren Tagebüchern lernt man eine ungewöhnlich weitherzige Frau kennen.» Der Landbote

«Es entsteht das ungewöhnliche Panorama eines aussergewöhnlichen und doch eben auch ganz gewöhnlichen Lebens.» FAMA

«Gret's memories are not a historical source in the strict sense, but they give a vivid picture of Indonesia in the last 25 years before ist independence. With its many black and white photographs and its descriptions of local customs this book is interesting to read. In her own way, Gret has been a witness to history.» Archipel, Paris

«Es ist ein beeindruckendes, mit Humor und Esprit, aber auch mit Eigenkritik und präziser Beobachtungsgabe gewürztes Zeitdokument, das man jedem Indonesien-Interessierten wärmsten empfehlen kann.»  Rosemarie Peitz-Külsen, StuDeO

Es war Prof. Hans Bögli, damals Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, der mich 2003 auf das Manuskript von Gret Surbek aufmerksam machte; es wäre wohl für eine Publikation in der Reihe «Das Volkskundliche Taschenbuch» geeignet. Eine erste Kostprobe, die mir Gladys Luginbühl, die Tochter, zukommen liess, war vielversprechend. Das Interesse war geweckt und der Kontakt zur Familie aufgenommen. In regelmässigen Abständen erhielt ich darauf die siebzehn Textbände in Kopie zur Lektüre zugesandt. Vor mir entstand das Bild einer ungewöhnlichen Frau und eines ungewöhnlichen Schicksals, das vielleicht letztlich so ungewöhnlich nicht war, sondern sich einfach unserem Bewusstsein entzieht. Denn dafür liegen nur wenige zeitgenössische Zeugnisse vor. Es ist das Schicksal eines jungen Schweizer Ehepaars, das hoffnungsvoll das gemeinsame Leben im fernen Sumatra beginnt, er als frischgebackener Mediziner, sie kaum der weiblichen Adoleszenz entwachsen und über das Backfischalter hinaus. Es kommen zwei Kinder zur Welt. Wir sind in den frühen 1920er Jahren, und die weisse Oberschicht fristet unbestritten ihr koloniales Herrenleben. So geht das lange Jahre ökonomisch gut, auch wenn sich eine gewisse wirtschaftliche Depression selbst im Fernen Osten auswirkt. Aber dann brechen die Wirbel und Wirren des Zweiten Weltkriegs über den Archipel herein, es kommt zur Eroberung und Besetzung durch die Japaner und zu den entsprechenden Schikanen und Demütigungen. Schwer geprüft, aber auch gereift überlebt die Familie die schwierigen Jahre und kehrt nach Europa zurück.

Von solchen Schicksalen haben wir in Europa wenig Kenntnis genommen. Asien war für uns ein Nebenschauplatz des Zweiten Weltkriegs, auch wenn sich dort das atomare Fanal ereignete. Unser Blick war und ist vor allem auf das europäische Drama gerichtet. In diese Lücke springen die Erinnerungen von Gret Surbek ein.

Mehrere Aspekte faszinierten mich bei der Lektüre: Da schreibt eine Frau, die sich schon früh intensiv mit den angestammten Kulturen Indonesiens beschäftigte, sich nicht zu gut war, die entsprechenden Sprachkenntnisse zu erwerben, und der die koloniale Arroganz der Holländer auf die Nerven ging. Gret Surbek nimmt mit offenen Sinnen die Wunder der Natur und der Kultur der neuen Heimat auf. Dann aber sprechen mich vor allem die Offenheit und Direktheit an, mit der Gret Surbek vom eigenen Versagen spricht, Fehler eingesteht und auf die Schwierigkeiten in der Ehe und entsprechende Tabubrüche eingeht. Die Tagebuchseiten enthüllen das bewegte Innenleben einer Frau, die ein hohes Sensorium für die Probleme der Zeit hatte. Mit gleicher Offenheit schildert sie auch die abscheuliche Vergewaltigungsszene durch japanische Soldaten. Dinge, die meistens in solchen Rückblicken auf das eigene Leben verschwiegen werden. Was mich aber am meisten beeindruckt, ist die Tatsache, dass im Nachhinein die japanischen Besatzer nicht in Bausch und Bogen verurteilt werden, hasserfüllt, was ja begreiflich wäre, und dass Gret Surbek im Gegenteil eine sehr differenzierte Sicht auf diese Leute bietet – eine souveräne Haltung.

Das Buch stellt so einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis der letzten Phase des Kolonialismus dar, seiner Spätblüte und des Zusammenbruchs, aber auch des Alltags im Zweiten Weltkrieg in diesen Regionen. Die Texte geben darüber hinaus Einblicke in das Wesen und Leben der einheimischen Bevölkerung, bevor die Amerikanisierungswelle auch diese Länder erreichte. Es ist den Nachkommen von Gret Surbek, vor allem Gladys Luginbühl, der Tochter, und Christa Miranda, der Enkelin, zu danken, dass sie der Veröffentlichung dieser wahrlich privaten Texte zugestimmt haben. Sie haben damit das autobiografische Schrifttum des 20. Jahrhunderts bereichert. Die Zusammenarbeit war optimal, und dafür danke ich.

Paul Hugger
Als der junge, gutaussehende, vielversprechende Mediziner mich von der Schulbank wegholte, damit ich ihm einige Monate später als seine Frau nach Sumatra folge, erhob sich im Familienkreis die Frage, wie ich am besten auf meine kommende Aufgabe vorbereitet würde. Meine Mutter insistierte, dass ich kochen lerne (möglichst viele Schweizerspezialitäten aus ihrem altväterischen, gesundheitschädigenden Kochbuch), während mein Bräutigam es vorzog, dass ich reiten lerne. Und damit war das erste Problem geschaffen. Ich hatte wohl meine eigne Ansicht, aber nicht meinen eignen Willen.

Nach kurzen, wonnevollen Tagen reiste der junge Mann voll Begeisterung nach seinem neuen Arbeitsfeld ab, und Mutter und zukünftige Schwiegermutter sorgten dafür, dass aus der von Liebe träumenden Braut wieder eine fleissige Schülerin wurde. Wie es sich für eine solche gehört, gab ich mir in den nächsten Monaten sowohl in der beglückenden Manège wie in der langweiligen Küche redlich Mühe. Es fiel mir nicht leicht, weder eine gute Reiterin, noch eine gute Köchin zu werden; ich war nämlich sehr ängstlich und behaupte heute noch, dass man die auf Nervenschwäche beruhende Ängstlichkeit in meinen ersten Lebensjahren verschuldet hat, indem man dem armen Säugling die Brust verweigerte, um ihm, der Mode gemäss, ausschliesslich pasteurisierte Kuhmilch zu reichen. [...]

Meine Ausrüstung für die Manège bestand, der Nachkriegszeit angemessen, aus einer Reithose und Jacke, verfertigt aus einem alten Jackenkleid meiner alten Tante und den Ledergamaschen eines Familienfreundes, der ebenso kurze und dünne Beine hatte wie ich. [...]

Für die Küche war die Bekleidung denkbar einfach: Dutzende von Schürzen aller Arten, Grössen und Farben lagen auch nach dem Krieg noch in den Schränken. Ich habe diese schweizerische «Nationaltracht» von jeher gehasst und war froh, nach einem Land zu emigrieren, wo es diese nicht gab. Nicht nur der Gasflamme wegen konnte ich kein rechtes Verhältnis zum Kochen finden. Mein Geschmack beschränkte sich nämlich damals auf Maccaroni mit Tomatensauce und Süsspeisen. [...]

Während ich die von meiner Mutter vorgeschriebenen Menus zubereitete, träumte ich vom Bungalow, wo braune und gelbe Bediente mir meine langweilige Arbeit abnehmen würden und wo ich am Rande des Urwaldes, hoch zu Ross an der Seite des jungen, gutaussehenden, vielversprechenden Mannes im hellen Tropenanzug durch Täler und über Hügel schweifen würde ...

In der Manège gefiel es mir bedeutend besser. Die Pferde bockten lange nicht so oft wie der Gasofen, und der Reitlehrer verstand es, mir Mut einzuflössen. Meine Glieder waren jung und passten sich dem Pferde an, und im Rhythmus der Bewegung steigerte sich die Begeisterung.
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