Im Herzen waren wir Indonesier
Eine Bernerin in den Kolonien Sumatra und Java 1920–1945
Herausgegeben von Christa Miranda, Paul Hugger
gebunden, 1. Auflage, 512 Seiten, 70 Abb.
November 200725 Jahre verbrachte die Bernerin Gret Surbek in Indonesien – von 1920 bis 1945. Sie erlebte so die Phase der holländischen Kolonialzeit in Niederländisch-Indien und anschliessend die Jahre der japanischen Besatzung während des Zweiten Weltkrieges. Als 19-jähriger Backfisch aus gutem Haus war sie ohne jegliche Auslanderfahrung ihrem Traummann, dem Berner Tropenarzt Kurt Surbek, in den Dschungel Sumatras nachgereist. Während er an verschiedenen Plantagenspitälern arbeitete, betreute sie den Haushalt und die beiden Kinder. Später zog die Familie nach Bandung auf Java und baute dort ein Sanatorium auf, bis der Weltkrieg eine grosse Zäsur in ihr Leben brachte.
Nach der Rückkehr in die Schweiz verarbeitete Gret Surbek ihre Tagebücher zu umfangreichen Memoiren. Diese zeugen von einer Frau, die sich schon früh intensiv mit den angestammten Kulturen Indonesiens beschäftigte und die sich manchmal über die koloniale Arroganz der Holländer ärgerte, aber auch offen zu ihren eigenen Fehlern stand.

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Pressestimmen
«Der weitverzweigten Lebensrückblick einer Frau, die allerdings etwas zu erzählen hat. 25 Jahre verbrachte Gret Surbek mit ihrem Mann, einem Tropenarzt, in Indonesien. 1920, als neunzehnjähriger Backfisch, packt Gret ihr Bündel; ohne Auslanderfahrung bricht sie in die exotische Welt Indonesiens auf. Erst 1946 kommt sie mit ihren Kindern wieder in die Schweiz zurück. Die Surbeks erleben die holländische Kolonialzeit in Niederländisch-Indien und die Jahre der japanischen Besetzung während des Zweiten Weltkrieges. Was sich in der Kurzfassung wie ein Waschzettel liest, sind allerdings aufwühlende private Memoiren, verfasst von einer sensiblen und kritischen Frau, die das Unrecht – die Schlussphase der holländischen Kolonialherrschaft und den brutalen Asienfeldzug der Japaner – auch nach der Rückkunft nicht aus ihren privaten Annalen tilgt.» Neue Zürcher Zeitung
«Von faszinierenden, durch kritische Empathie geprägten Beobachtungen von Land und Leuten, bis hin zu einer sehr zurückhaltend beschriebenen Familientragödie, enthält dieses von der Enkelin der Autorin klug gekürzte und mit erklärenden Zwischentexten versehene Tagebuch alles, was zu einem grossen Leseerlebnis gehört.» Schweizer Monatshefte
«Sie war unerschrocken und neugierig. Die Bernerin Gret Surbek streift in Indonesien alle Vorurteile ab wie eine lästig gewordene zweite Haut. In ihren Tagebüchern lernt man eine ungewöhnlich weitherzige Frau kennen.» Der Landbote
«Es entsteht das ungewöhnliche Panorama eines aussergewöhnlichen und doch eben auch ganz gewöhnlichen Lebens.» FAMA
«Gret's memories are not a historical source in the strict sense, but they give a vivid picture of Indonesia in the last 25 years before ist independence. With its many black and white photographs and its descriptions of local customs this book is interesting to read. In her own way, Gret has been a witness to history.» Archipel, Paris
«Es ist ein beeindruckendes, mit Humor und Esprit, aber auch mit Eigenkritik und präziser Beobachtungsgabe gewürztes Zeitdokument, das man jedem Indonesien-Interessierten wärmsten empfehlen kann.» Rosemarie Peitz-Külsen, StuDeO
Entdecken
Von solchen Schicksalen haben wir in Europa wenig Kenntnis genommen. Asien war für uns ein Nebenschauplatz des Zweiten Weltkriegs, auch wenn sich dort das atomare Fanal ereignete. Unser Blick war und ist vor allem auf das europäische Drama gerichtet. In diese Lücke springen die Erinnerungen von Gret Surbek ein.
Mehrere Aspekte faszinierten mich bei der Lektüre: Da schreibt eine Frau, die sich schon früh intensiv mit den angestammten Kulturen Indonesiens beschäftigte, sich nicht zu gut war, die entsprechenden Sprachkenntnisse zu erwerben, und der die koloniale Arroganz der Holländer auf die Nerven ging. Gret Surbek nimmt mit offenen Sinnen die Wunder der Natur und der Kultur der neuen Heimat auf. Dann aber sprechen mich vor allem die Offenheit und Direktheit an, mit der Gret Surbek vom eigenen Versagen spricht, Fehler eingesteht und auf die Schwierigkeiten in der Ehe und entsprechende Tabubrüche eingeht. Die Tagebuchseiten enthüllen das bewegte Innenleben einer Frau, die ein hohes Sensorium für die Probleme der Zeit hatte. Mit gleicher Offenheit schildert sie auch die abscheuliche Vergewaltigungsszene durch japanische Soldaten. Dinge, die meistens in solchen Rückblicken auf das eigene Leben verschwiegen werden. Was mich aber am meisten beeindruckt, ist die Tatsache, dass im Nachhinein die japanischen Besatzer nicht in Bausch und Bogen verurteilt werden, hasserfüllt, was ja begreiflich wäre, und dass Gret Surbek im Gegenteil eine sehr differenzierte Sicht auf diese Leute bietet – eine souveräne Haltung.
Das Buch stellt so einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis der letzten Phase des Kolonialismus dar, seiner Spätblüte und des Zusammenbruchs, aber auch des Alltags im Zweiten Weltkrieg in diesen Regionen. Die Texte geben darüber hinaus Einblicke in das Wesen und Leben der einheimischen Bevölkerung, bevor die Amerikanisierungswelle auch diese Länder erreichte. Es ist den Nachkommen von Gret Surbek, vor allem Gladys Luginbühl, der Tochter, und Christa Miranda, der Enkelin, zu danken, dass sie der Veröffentlichung dieser wahrlich privaten Texte zugestimmt haben. Sie haben damit das autobiografische Schrifttum des 20. Jahrhunderts bereichert. Die Zusammenarbeit war optimal, und dafür danke ich.
Nach kurzen, wonnevollen Tagen reiste der junge Mann voll Begeisterung nach seinem neuen Arbeitsfeld ab, und Mutter und zukünftige Schwiegermutter sorgten dafür, dass aus der von Liebe träumenden Braut wieder eine fleissige Schülerin wurde. Wie es sich für eine solche gehört, gab ich mir in den nächsten Monaten sowohl in der beglückenden Manège wie in der langweiligen Küche redlich Mühe. Es fiel mir nicht leicht, weder eine gute Reiterin, noch eine gute Köchin zu werden; ich war nämlich sehr ängstlich und behaupte heute noch, dass man die auf Nervenschwäche beruhende Ängstlichkeit in meinen ersten Lebensjahren verschuldet hat, indem man dem armen Säugling die Brust verweigerte, um ihm, der Mode gemäss, ausschliesslich pasteurisierte Kuhmilch zu reichen. [...]
Meine Ausrüstung für die Manège bestand, der Nachkriegszeit angemessen, aus einer Reithose und Jacke, verfertigt aus einem alten Jackenkleid meiner alten Tante und den Ledergamaschen eines Familienfreundes, der ebenso kurze und dünne Beine hatte wie ich. [...]
Für die Küche war die Bekleidung denkbar einfach: Dutzende von Schürzen aller Arten, Grössen und Farben lagen auch nach dem Krieg noch in den Schränken. Ich habe diese schweizerische «Nationaltracht» von jeher gehasst und war froh, nach einem Land zu emigrieren, wo es diese nicht gab. Nicht nur der Gasflamme wegen konnte ich kein rechtes Verhältnis zum Kochen finden. Mein Geschmack beschränkte sich nämlich damals auf Maccaroni mit Tomatensauce und Süsspeisen. [...]
Während ich die von meiner Mutter vorgeschriebenen Menus zubereitete, träumte ich vom Bungalow, wo braune und gelbe Bediente mir meine langweilige Arbeit abnehmen würden und wo ich am Rande des Urwaldes, hoch zu Ross an der Seite des jungen, gutaussehenden, vielversprechenden Mannes im hellen Tropenanzug durch Täler und über Hügel schweifen würde ...
In der Manège gefiel es mir bedeutend besser. Die Pferde bockten lange nicht so oft wie der Gasofen, und der Reitlehrer verstand es, mir Mut einzuflössen. Meine Glieder waren jung und passten sich dem Pferde an, und im Rhythmus der Bewegung steigerte sich die Begeisterung.
