Der Erfinder
Jakob Degens Traum vom Fliegen. Historischer Roman
gebunden, 432 Seiten
noch nicht erschienen
ersch. 17. September 2026Im Jahr 1771 ist Jakob Degen elf Jahre alt, als er mit seinen Eltern von der Schweiz nach Wien auswandert, um einer Hungersnot zu entkommen. Dort wird aus dem mittellosen Seidenbandweber ein angesehener Uhrmacher, aus dem Handwerker ein Erfinder. Als Jakob den französischen Ballonfahrer Jean-Pierre Blanchard in die Lüfte steigen sieht, wächst in ihm ein Traum: Er will selber fliegen. Und bald beginnt er, eigene Flugapparate zu bauen.
Der fliegende Uhrmacher tritt vor staunendem Publikum auf, beeindruckt den Kaiser, Beethoven und Jean Paul, wird in ganz Europa berühmt, wird bewundert und zugleich belächelt. Doch das Geld bleibt knapp. Seine Frau Carolina muss Jakob immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen, er hat eine Familie zu versorgen. Erst spät in seinem Leben wendet sich das Blatt: Dank einer wegweisenden Erfindung für den fälschungssicheren Banknotendruck stellt ihn die Österreichische Nationalbank auf Lebenszeit an.
Rolf von Siebenthal verwebt Jakob Degens aussergewöhnliche Geschichte mit der Zeit des Umbruchs: der Industrialisierung, des wissenschaftlichen Aufbruchs, der napoleonischen Kriege und des Lebens kleiner Leute in einer rastlosen Metropole.

Bildrechte: Julia von Siebenthal
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Rolf von Siebenthal, woher stammt Ihre Faszination für Jakob Degen?
Von Jakob Degen hörte ich zum ersten Mal im Jahr 1998. Damals arbeitete ich als Journalist bei der Basler Zeitung und kam anlässlich Jakob Degens 150. Todestages mit dem Biografen Hans R. Degen in Kontakt. Für die Zeitung schrieb ich einen längeren Artikel über den Flugpionier. Seither hat mich seine Geschichte nicht mehr losgelassen. Degen stammte aus einfachen Verhältnissen und brachte es in Wien vom Weberbuben zum angesehenen Uhrmacher, Erfinder und Werkmeister der Nationalbank. Besonders beeindruckt mich, mit welcher Hartnäckigkeit er seine Ideen verfolgte. Trotz zahlreicher Rückschläge gab er nie auf.
Wie funktionierte Jakob Degens Flugapparat und wie wichtig war diese Erfindung für die spätere Entwicklung der Luftfahrt?
Degen studierte den Flug von Vögeln und Insekten, er wollte ihn mechanisch nachahmen. Dazu entwickelte er einen Schlagflügelapparat, den er mit Händen und Füssen bewegen konnte. Jeder Flügel enthielt 3500 Klappen, die sich beim Aufwärtsschlag öffneten und beim Abwärtsschlag schlossen. Der dadurch erzeugte Auftrieb genügte aber nicht, um das ganze Gewicht zu heben. Zur Unterstützung brauchte Degen einen kleinen Ballon. Diesen Apparat konnte er in jede beliebige Richtung steuern, das hatte vor ihm niemand geschafft. Zudem gleicht die Form der Flügel bereits späteren Hängegleitern. Der Luftfahrthistoriker Erich Tilgenkamp bezeichnete Degen als «ersten Konstrukteur einer Flugmaschine», weil er den Menschenflug systematisch erforschte und jedes Detail seines Apparats durchdachte.

Jakob Degens «Ornithopter» von 1807
Trotz internationaler Bekanntheit lebte Jakob Degen fast sein ganzes Leben lang in Armut. Warum?
Sowohl die Entwicklung seiner Flugmaschine als auch die öffentlichen Vorführungen verschlangen grosse Summen. Für die Finanzierung war Degen auf Gönner angewiesen und auf Publikum, das Eintritt bezahlte. Verlässliche Einnahmen gab es jedoch nicht. Fiel wegen schlechten Wetters eine Vorführung aus oder entsprach sie nicht den hohen Erwartungen der Menschen, erntete er Proteste und Spott. Gleichzeitig lebte er in einer Epoche, die von den napoleonischen Kriegen und wirtschaftlichen Krisen geprägt war. Viele kämpften ums tägliche Auskommen und interessierten sich kaum für technische Neuerungen. Deshalb lebte Degen trotz seiner Bekanntheit lange in ärmlichen Verhältnissen.
Wie ist die Guillochiermaschine entstanden und welche Bedeutung kommt ihr zu?
Um 1820 war Falschgeld in ganz Europa ein grosses Problem. Degen entwickelte deshalb eine Maschine, mit der sich komplizierte Linien- und Ornamentmuster in Druckplatten eingravieren liessen. Diese sogenannten Guillochen waren so präzise und komplex, dass sie sich kaum von Hand herstellen liessen. Es dauerte jedoch lange, bis er die Behörden von seiner Erfindung überzeugen konnte. Die Österreichische Nationalbank übernahm schliesslich die Maschine und erschwerte damit die Fälschung von Banknoten erheblich. Bald fand das Verfahren auch in anderen Ländern Verbreitung. Heute schützen moderne Sicherheitsmerkmale die Banknoten, doch auf einigen Geldscheinen finden sich noch immer Guillochen, etwa auf dem US-Dollar, dem japanischen Yen oder dem britischen Pfund.
Sie haben für den Roman jahrelang recherchiert, waren in Wien und Paris, suchten in Archiven und befragten Fachpersonen. Wie viel der Geschichte ist wahr, was haben Sie erfunden?
Es gibt zahlreiche Zeugnisse über Degens Flüge, darunter Zeitungsberichte, amtliche Dokumente, Verwaltungsakten, Abbildungen und Karikaturen. Auch Degen selbst hat Aufzeichnungen hinterlassen, in denen er seine Maschinen und Flugversuche beschreibt. Auf diesen Quellen beruht mein Roman. Über sein Privatleben wissen wir hingegen kaum etwas. Wie er dachte, was er fühlte, wie Gespräche verliefen oder wie seine Familie mit Erfolgen und Rückschlägen umging, ist nicht überliefert. Die Dialoge und viele Szenen sind daher meine Erfindung. Mein Ziel war es, möglichst nahe bei den historischen Fakten zu bleiben und zugleich die Geschichte eines Menschen zu erzählen, der seiner Zeit in vieler Hinsicht voraus war.
Sie zeigen Jakob Degen nicht nur als glorreichen Pionier, sondern auch als fehlbaren Menschen. Denken Sie, dass Sie ihm nahegekommen sind, oder wollten sie vor allem eine lebendige Figur gestalten?
Degen nur als Heldenfigur zu zeigen, hätte ich langweilig gefunden. Die Leserinnen und Leser sollen sich über ihn ärgern können, mit ihm leiden und sich mit ihm freuen. Gerade seine Widersprüche machen ihn für mich interessant. Ob ich ihm wirklich nahegekommen bin, darüber masse ich mir kein Urteil an. Könnte Degen mein Buch lesen, würde ich hoffen, dass er sich nicht allzu sehr darüber ärgert, wie ich ihn beschreibe. Vielleicht könnte er an der einen oder anderen Stelle sogar schmunzeln. In erster Linie soll mein Roman unterhalten und Neugier auf den Erfinder wecken. Darüber hinaus beschäftigte mich noch ein anderer Gedanke: Wozu ein Mensch fähig ist, wenn er sein Talent nutzen kann. Hätte Degen sein ganzes Leben im Baselbiet verbracht, wäre er vermutlich Seidenbandweber geblieben. In Wien traf er auf Menschen, die seine Begabung erkannten, und auf ein Umfeld, das ihm neue Möglichkeiten bot. Seine Geschichte zeigt, wie entscheidend die Chancen sein können, die ein Menschen erhält.
