Ich bin ein Dieb

Ich bin ein Dieb

Und andere Kriminalgeschichten

Zusammengestellt von Peter Kuntner, Erwin Künzli

gebunden, 136 Seiten, 2 Abb.

August 2008
SFr. 19.80, 19.80 € / E-Book SFr. 19.90
ISBN 978-3-85791-558-1

Ob Diebstahl oder Mord, Glausers ‹kriminelle› Stoffe stammen immer wieder aus seinem eigenen Leben. Ob er selbst kleinere Diebstähle zur Finanzierung seiner Sucht beging oder Zeuge wurde von gewaltsamen Konfliktlösungen – etwa in der Fremdenlegion –, einige Vorfälle verarbeitet Glauser gar mehrfach in verschiedenen Erzählungen. Vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil sie ihm nahe gingen, waren die Delikte und ihre Enttarnung bei Glauser nicht primär ein Element für kriminalistische Rätsel und simple Spannung, sondern stets verknüpft mit der Suche nach Motiven und Erklärungen für das Handeln der Menschen. Der vorliegende Band präsentiert Glausers beste Kriminalgeschichten von der frühesten Wachtmeister-Studer-Geschichte bis zur Titelgeschichte über einen kleinen Diebstahl aus Gerechtigkeitsempfinden.

Friedrich Glauser
Bildrechte: Gotthard Schuh / Fotostiftung Schweiz
Friedrich Glauser, geboren 1896 in Wien als Sohn einer Österreicherin und eines Schweizers, führte ein rastloses Leben. Unzählige Orte und Stationen säumten seinen Weg, darunter Erziehungsheime, Gefängnisse und psychiatrische Kliniken. Friedrich Glauser lebte in Frankreich, Belgien und Italien, war lange Zeit morphiumsüchtig, verbrachte einige Jahre in der Fremdenlegion und nahm teil an der Dadaismus-Bewegung in Zürich. Er starb 1938 in Nervi bei Genua.
Erwin Künzli
Bildrechte: Ayse Yavas
Erwin Künzli, geboren 1956 in Willisau, studierte nach einer Berufslehre und Fernmatura Philosophie, Deutsche Literatur und Geschichte in Zürich, Paris und Berlin. Arbeitete 1994 bis 2002 als Dozent an der Theater Hochschule Zürich (heute ZHdK) und ab 1993 im Limmat Verlag, von 2001 bis 2026 als Mitglied der Geschäftsleitung. 
«Die Auswahl von Kriminalgeschichten führt unmittelbar ins Herz von Glausers Erzählwelt. » Mittellandzeitung
Es war von Anfang an die trostlose Affäre par excellence gewesen, wie Polizeikommissar Kreibig sofort am Tatort feststellte. Schiebermilieu – der Tote, der am Boden lag, mit einer Stichwunde in der Brust, an der er verblutet war, hieß Jakob Kussmaul, stammte nach seinem Pass aus Riga, aber vielleicht hieß er gar nicht Kussmaul, vielleicht stammte er aus Bukarest, bei diesen Leuten war man nie sicher ... Und der Kommissar Kreibig seufzte. Es war vier Jahre nach dem Weltkrieg, Wien war ausgehungert, und alle Welt schob. Seufzend dachte Kreibig daran, dass er wahrscheinlich Hofrat geworden wäre, wenn die alte Monarchie noch geblieben wäre, aber so ... Und da war also dieser Jakob Kussmaul, der vielleicht gar nicht so hieß, lag am Boden, sein rosa Seidenhemd war auf der linken Seite der Brust zerrissen, und ein großer Blutfleck hatte das zarte Gewebe starr und bräunlich gemacht.

Der Tote lag neben einem Tisch, und auf dem Tisch stand ein Schachbrett mit Figuren. Eine begonnene Partie. Neben dem Brett zwei Tassen mit schwarzem Kaffee, halb geleert, daneben (Luxus!) zwei Silberschälchen für den Zucker: auf dem einen eins jener viereckigen Päckchen, in welchen drei Stückchen sogenannten Würfelzuckers verpackt sind, das andere leer.

Auf dem Boden aber lag der Jakob Kussmaul und hielt in der Rechten den schwarzen König des Schachspiels, in der Linken ein viereckiges Päckchen Würfelzucker, das Päckchen, das offenbar auf dem leeren Silberplättchen auf dem Tisch gelegen hatte.

«Wie lang hat er noch gelebt?» fragte Kommissar Kreibig den Gerichtsarzt.

«Oh, so zwei, drei Minuten, glaub ich ...»

«War er noch bei Besinnung?»

«Glaub schon, glaub schon. So einer, der hat ein zähes Leben, das können Sie mir glauben, Herr Hofrat.»

«Und Sie glauben, das hat etwas zu bedeuten, das, was er da in der Hand hält?»

«Möglich wär's schon ... Aber was? Ein schwarzer Schachkönig und drei Stückerln Würfelzucker? ... Was soll das bedeuten? ... Verstehen Sie das, Herr Hofrat?»

«Vielleicht», sagte der Kommissar, dem der ‹Hofrat› des Doktors angenehm die Ohren streichelte. «Vielleicht hat uns der Ermordete damit einen Fingerzeig geben wollen, einen Fingerzeig, verstehen Sie, Herr Doktor, wie wir zum Mörder gelangen. Denn etwas bedeutet der Zucker doch ...»

«Und die Schachfigur ...» wagte bescheiden der Polizist Hochroitzpointner einzuwerfen. Er trug einen armseligen roten Schnurrbart, und seine Stirne war gefurcht.

«Ja», sagte der Kommissar, «der schwarze König ... Ich kenn einen König Haber, ich kenn einen König Lear und wie die Könige alle bei Shakespeare heißen, Heinrich und Richard, und auch den König Ottokar kenn ich – aber einen König Zucker. König Zucker ...» wiederholte er und schüttelte den Kopf. Er sah sich im Zimmer um. Ein Hotelzimmer, wie viele andere. Abgewetzter Teppich auf dem Boden, eine grünliche Tapete an den Wänden, verblichen bis auf ein Rechteck über dem Bett, wo sicher einmal ein Kaiserbild gehangen hatte. Das Fenster ging auf einen Lichthof, es war ein trübes Licht im Raum, es regnete draußen, und dann wollte es bald Abend werden.

Der Doktor verabschiedete sich, der Kommissar Kreibig studierte lange die angefangene Partie, schüttelte manchmal den Kopf, der Polizist in Zivil Hochroitzpointner verhielt sich still, endlich flüsterte er:

«Soll ich den Kellner rufen?»

...