Handbuch der Ratlosigkeit

Handbuch der Ratlosigkeit

37 Einträge von Jochen Bär | Anton Bruhin | Ann Cotten | Franz Josef Czernin | Elfriede Czurda | Dorothea Dieckmann | Franz Dodel | Oswald Egger | Dorothee Elmiger | Elke Erb | Michael Fehr | Eleonore Frey | Hans-Jost Frey | Zsuzsanna Gahse | Bodo Hell |

Mit Texten von Jochen Bär, Anton Bruhin, Ann Cotten, Franz Josef Czernin, Elfriede Czurda, Dorothea Dieckmann, Franz Dodel, Oswald Egger, Dorothee Elmiger, Elke Erb, Michael Fehr, Eleonore Freiy, Hans-Jost Frey, Zsuzsanna Gahse, Bodo Hell, Norbert Hummelt, Felix Philipp Ingold, Hanna Johansen, Barbara Köhler, Margret Kreidl, Friederike Kretzen, Ludger Lütkehaus, Klaus Merz, Walter Morgenthaler, Erica Pedretti, Sabine Peters, Suzann-Viola Renninger, Beat Schläpfer, Hannes Schüpbach, Farhad Showgi, Christian Steinbacher, Yoko Tawada, Christina Viragh, Peter Waterhouse, Uwe Wirth, Sandro Zanetti, Martin Zingg

Broschur, 1. Auflage, 160 Seiten

Februar 2014
SFr. 28.–, 28.– €
ISBN 978-3-85791-736-3

War es nicht eben noch so einfach? Wo ist nur die Ordnung geblieben? Doch welche Ordnung war da gleich? Guter Rat ist teuer, die Ratlosigkeit gross. 37 Autorinnen und Autoren ergreifen die Flucht nach vorn, stürzen sich mit Lust in die Unordnung, ins Unbekannte, Unbenannte. Sie jonglieren mit Borges’ 'Chinesischer Enzyklopädie', vertiefen sich in 'Begriffe, die von weitem wie Fliegen aussehen', in 'herrenlose Muster' und in 'Wörter, die dem Autor gehören', überschreiben die alte Enzyklopädie 'mit einem ganz kleinen Pinsel aus Kamelhaar' zu einem Palimpsest jener Ordnung, die in unseren Augen keine ist, die aber in Wahrheit nur auf den grossen Zusammenhang verzichtet. Wer sich auf 'Das Handbuch der Ratlosigkeit' einlässt, begibt sich in 'zusammenkrachende Möglichkeitsräume'. Denn 'hier schwankts' – wie in der Restwelt auch.

Elfriede Czurda
Elfriede Czurda lebt als Schriftstellerin und Kunsthistorikerin in Wien.
Friederike Kretzen
Bildrechte: Ute Schendel
Friederike Kretzen, 1956 in Leverkusen geboren, lebt seit 1983 in Basel. Autorin zahlreicher Romane, zuletzt «Schule der Indienfahrer». Daneben seit vielen Jahren Tätigkeit als Literaturkritikerin, Essayistin und Dozentin (ETH, Literaturinstitut Biel).
Suzann-Viola Renninger
Bildrechte: Giorgio von Arb

Suzann-­Viola Renninger promovierte nach einem Studium der Naturwissenschaften in Philosophie an der Ludwig-­Maximilians-Universität München. Heute arbeitet sie als Philosophin an der Universität Zürich und leitet ausserdem unter dem Label «Die Philosophieklasse» verschiedene öffentliche, philosophische Projekte: www.philosophieklasse.ch

Dorothee Elmiger
Dorothee Elmiger, geboren 1985 in Wetzikon, studierte Literatur am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel/Bienne und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig sowie Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Luzern und der Freien Universität Berlin. Für ihr Werk erhielt Elmiger zahlreiche Auszeichnungen. 2022 wurde Elmiger in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen.
Michael Fehr

Studierte am Schweizerischen Literaturinstitut und am Y Institut der Hochschule der Künste Bern. Er tritt auf als Redner, spielt Konzerte mit seinen eigenen Programmen und in Kollaborationen, wirkt mit in Theaterstücken und Filmen und gibt Workshops. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. der Kelag-Preis im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Preises für den Roman «Simeliberg». Zuletzt erschien 2022 sein Erzählband «Hotel der Zuversicht».

Zsuzsanna Gahse
Zsuzsanna Gahse kam 1946 in Budapest zur Welt und lebt in Müllheim. Sie erhielt 2019 den Grand Prix Literatur des Bundesamtes für Kultur.
Felix Philipp Ingold
Bildrechte: Yvonne Böhler
Felix Philipp Ingold, geboren 1942 in Basel, ist ein Schweizer Slawist, Kulturpublizist, Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber sowie emeritierter Ordinarius für die Kultur- und Sozialgeschichte Russlands an der Universität St. Gallen. Neben seinem eigenem grossen literarischen Werk (Romane, Gedichte, Erzählungen) hat er schon mehrfach Lyrik aus dem Französischen übersetzt (Edmond Jabès, René Char, Benjamin Fondane, Paul Eluard, Guillaume Apollinaire u. a. m.).
Klaus Merz

Lebt als freier Schriftsteller in Unterkulm. Er wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Gottfried Keller- und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Zuletzt erschienen seine Werkausgabe in 7 Bänden und die Gedichtbände «Helios Transport» und «firma».

Martin Zingg
Martin Zingg, geboren 1951, Autor. Zuletzt: Jörg Steiner: Gesammelte Werke, Herausgabe (Suhrkamp, 2021) und Klassische Sorgen, Gedichte (Engeler, 2025). Verschiedene Projekte mit Ruth Schweikert, darunter die Publikation Übermalen und überschreiben. Gespräch zwischen Miriam Cahn und Ruth Schweikert (2008).

«... einen Nerv getroffen. Denn das ganze Gesums von Selbstcoaching und -optimierung ist ja nur ein panischer Ausdruck dafür, dass niemand weiß, wo ihm der Kopf steht. Die Krisenhaftigkeit der Lage, deren Eingeständnis auch etwas Beruhigendes hat, wird von Farbe und Material des Einbands auf ironische, schillernde Weise interpretiert: Das Buch ist in feines schwarzes Sandpapier geschlagen. Es liegt rauh in der Hand – ein einzigartiges Gefühl – und glitzert tröstlich. Ein Glitzern freilich, das so wenig Hilfe anbietet wie die schimmernden Sterne in der unerreichbaren eisigen Ferne des Alls. Formidabel!» Der Hotlistblog

«Der Einband aus ungewohntem grauen Schmirgelpapier: 37 kurze, alphabetisch geordnete, allesamt geniale Einträge, verfasst von ebenso vielen Autoren.» Die Zeit

«Das ‹Handbuch der Ratlosigkeit› erschliesst sich auf zwei Weisen. Zum einen inhaltlich, zum anderer haptisch: Der Umschlag besteht nämlich aus handelsüblichem Schleifpapier (Körnung 180). Damit liegt es erstaunlich gut in der Hand und hat nicht zuletzt die Hersteller vor einige Probleme gestellt, nicht zu reden vom Siebdrucker. Aber das Schleifpapier ist auch ein eindrückliches Bindeglied zum Thema: Ratlosigkeit. Was macht man jetzt mit diesem Buch – ausser lesen und über das Gelesene hinaus weitersinnieren? Stellt man es ins Bücherregal werden zwangsläufig die Nachbarn links und rechts angekratzt. Wieder einpacken? Dann ist es wie eine wiederverschlossene Flasche mit dem Geist drin, schade. Vielleicht Fingernägel feilen? Es verlangt auf jeden Fall eine besonderen Umgang. Wie auch die Ratlosigkeit selber.» Hirschmatt Magazin

«Anständige Menschen brauchen keine Freiheit.»
Nach Gustave Flaubert: Bouvard und Pécuchet


Voraussetzung für das Gelingen von Ratlosigkeit ist das Bewusstsein von der Unmöglichkeit des Gelingens.

Ratlosigkeit bleibt Ratlosigkeit, sie löst sich nie auf.

Ratlosigkeit als Verfahren des Innehaltens und Zögerns; um uns etwas erfahren zu lassen, was zutiefst ungesichert ist und seine Gewissheit aus genau dieser Erfahrung bezieht.

Ratlosigkeit führt auf das gefährliche Terrain dessen, was nicht ratlos, sondern womöglich schön ist.

Ratlosigkeit, die nichts anderes sein will als Ratlosigkeit.

Ein Stolperstein, der einen neuen Lauf in Gang setzt. Von dem nicht klar ist, wohin er geht – die Ungewissheit, das Unbestimmte, das Vage vor Augen, um abermals aufzubrechen.

Wenn wir in den Listen die Namen aller Götter, Menschen, Tiere, Pflanzen, Hackordnungen und Werkzeuge lesen, dann wissen wir, woran wir sind. Wissen wir uns dann auch Rat, wo wir die Götter, Menschen, Tiere, Pflanzen, Hackordnungen und Werkzeuge suchen oder finden können?

Unsere Liste ist der Versuch einer List, diesem SchwebezustandImpulse zu versetzen, die alles anders wieder möglich machen.

Ratlosigkeit als Form der Fürsorge für sich selbst.

Elfriede Czurda / Friederike Kretzen / Suzann-Viola Renninger

Romainmôtier ist ein malerischer Ortim Jura, der eine der schönsten und am besten erhaltenen Cluniazenser-Abteien der Schweiz besitzt. In der ehemaligen Unterkunft für die Laien und Pilger, die das Kloster besuchten, ist das L'arc untergebracht. Das Migros-Kulturprozent kaufte es 1981 im Rahmen seines damaligen Förderungsprogramms für Denkmalsschutz, baute es von 1991 bis 1994 um und nahm es als Künstlerhaus in Betrieb. Den Charakter der Pilgerstätte hat das Haus mit dem ständigen Kommen und Gehen der Gäste bewahrt.

L'arc steht für «Littérature et atelier de réflexion contemporaine». Hier finden Symposien mit Wissenschaftlerinnen und Künstlern jeglicher Couleur, Literatur-Laboratorien, Schreibwerkstätten und experimentelle Grenzauslotungen statt. Das Haus ist zu klein, um einen großen Tagungsbetrieb aufziehen zu können, es liegt weit abgelegen ? doch genau darin liegen seine Chancen. Denn dadurch bietet es die Möglichkeiten des Ausprobierens und Nachdenkens und gibt die Freiheit, auch scheitern zu können. Auf diese Weise wollen wir Sinn und Nutzen der Kultur kommunizieren, aber auch zeigen, wie deren Nutzen oft im scheinbar Unsinnigen liegt.

Marcel Duchamp machte bei einer Vernissage des Malers William Copley, die 1953 in Paris stattfand, allen Gästen ein kleines Geschenk: ein in ein quadratisches Aluminiumpapier verpacktes Bonbon. Auf

den Bonbonpapieren war folgende Gleichung zu lesen: 1 Guest + 1 Host = 1 Ghost. In diesem Wortspiel von Duchamp bleibt von Gast und Gastgeber nichts mehr übrig außer dem Geist, zu dem sie sich amalgamiert haben. Ist das Bonbon einmal weggelutscht, ist nur noch Papier da. Eine Gleichung, die sich auf das L'arc übertragen lässt, wäre dieses doch ohne seine Gäste nicht zu dem geworden, was es heute ist, und von dem Geist erfüllt, der es 2014 seit zwanzig Jahren belebt. Zwanzig Jahre ? ein Anlass, um sich auf die Vergangenheit zu besinnen, die Gegenwart zu feiern und in die Zukunft zu schauen, ohne Festschrift in Hochglanz, sondern mit diesem Buch. Es geht darum, sich die eigene Ratlosigkeit im schöpferischen Prozess zuzugestehen und unverzagt damit umzugehen, bringt sie doch nichts Erschreckendes, das es möglichst zu vermeiden gilt, sondern die Freude am Entdecken.

Veronika Sellier, Direktion Kultur und Soziales, Leiterin L'arc