Schattenblüten
Erzählungen
Übersetzt von Maja Pflug
gebunden, 176 Seiten
August 2000Schattenblüten: das Thema aller Texte dieses Buches sind das Leben im Herbst und seine Erinnerungen an verflossene Träume, seine skurrile und wehmütige Gegenwart. Alberto Nessi versammelt Erlebnisse und Geschichten von Menschen am Rand, zusammengewürfelt in diesem oder jenem Gedächtnis, heraufbeschworen durch Beobachtungen im Alltäglichen, gebündelt in der Frage: Wann war ich glücklich? War ich glücklich?
Alberto Nessis erzählt von diesen ‹unwichtigen› Persönlichkeiten und ihren Schicksalen in seiner poetischen Prosa, die mit leichter Hand Bilder zeichnet von den Stimmungen und Empfindungen seiner Protagonisten. Und fast immer dominiert die Melancholie, eine feine Wehmut, die aufgehoben ist in einem Gespür für den Kreis des Lebens und einem großen Respekt davor.

Bildrechte: Ayşe Yavaş
Alberto Nessi, geboren 1940 in Mendrisio, studierte an der Universität Freiburg Literaturwissenschaft und Philosophie. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er unterrichtete italienische Literatur in Mendrisio, schrieb für Zeitungen und verfasste Hörspiele. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schweizer Grand Prix Literatur für sein Lebenswerk. Alberto Nessi lebt in Bruzella.
Wie wird man Schriftsteller?
Ein biografischer Bericht von Alberto Nessi
Neue Zürcher Zeitung

Bildrechte: Georg Pflug
Pressestimmen
Neue Zürcher Zeitung, 18. November 2000
Aargauer Zeitung, 07. Dezember 2000
Der Bund, 09. Dezember 2000
Der Landbote, 15. Dezember 2000
Schule und Bildung, 3/2003
«Die Gründe seines Erfolgs liegen nicht auf der Hand: Er ist kein Unterhalter, kein Vielschreiber; seine Erzählungsbände oder Kurzromane sind fast so schmal wie seine Gedichtsammlungen; seine bevorzugte literarische Gattung ist die Lyrik, und auch wenn er Erzählungen schreibt, geht es ihm nicht um eine spannende Handlung, sondern um die Evokation der Vergangenheit, die Stimmen der Toten, das knappe und farbige Protokoll des gelebten Alltags. Er ist ein aufmerksamer Beobachter der Grenz- und Umbruchsituationen, unter denen gerade diejenigen am meisten leiden, die sich nur schwer mitteilen können: die Alten, die Armen, die Unterdrückten, die Zugewanderten, die einsam nebeneinander, aber nicht mehr zusammenleben. Ihnen gibt er eine Stimme, indem er sie häufig in der Ich-Form von ihrem Alltag erzählen lässt: stockend und ungefähr, doch immer in konkreten Details, die eine Situation unverwechselbar machen.» Neue Zürcher Zeitung
«Eine Wundertüte öffnet sich: Ihr entnehmen wir eine Kurzerzählung nach der andern - oftmals sind es nur Miniaturen -, lauschen augenblicklich auf den einfachen, klaren Ton und die transparente Sprache, die vieles unausgesprochen lässt, hingegen aussagestarken Gesten, wunderschönen Bildern und Stimmungen die Erklärung für die Liebe zu einer Landschaft überlässt, die in keiner Weise mehr derjenigen von Alberto Nessis Kindheit gleicht: das Mendrisiotto hat sich von einer bäuerlichen Gegend in eine kompakt überbaute, grenznahe Industrielandschaft und Finanzdrehscheibe verwandelt.» Der Bund
«Der Tessiner erzählt von diesen ‹unwichtigen› Persönlichkeiten und ihren Schicksalen in seiner poetischen Prosa, die mit leichter Hand Bilder zeichnet von den Stimmungen und Empfindungen seiner Protagonisten. Und fast immer dominiert die Melancholie, eine feine Wehmut, die aufgehoben ist in einem Gespür für den Kreis des Lebens und einem grossen Respekt davor.» Schule und Bildung
Entdecken
Auch am letzten Sonntag, als ihr Vater sie an einem Tisch im Wirtshaus hinter der grünen Gazosaflasche betrachtete, hatte sie unter ihrem Chicco-d’Oro-Hütchen gelacht. Dann war sie nachdenklich geworden, hatte gesagt:
«Da, jetzt. Wir sind schon einmal so dagesessen. Die Dinge wiederholen sich.»
Der Vater legt sich neben der Scheune ins Gras und betrachtet die Halme, die sich am Spätnachmittag näher herunterbeugen. Er erinnert sich an einen Spaziergang, den er vor vielen Jahren auf diesem Weg gemacht hat. Er war mit Silvana und Renzo beim Beerensammeln. Die gleichen Beeren, die seine Tochter jetzt verwendet, um Halsketten zu machen.
«Was mag aus Silvana geworden sein?», denkt der Vater, im Gras ausgestreckt. Er war mit ihr in den alten, stillgelegten kleinen Bahnhof am Rand der Felder gegangen wie in einem amerikanischen Film; sie aber wollte lieber Beeren pflücken.
Und Renzo? Eine Medaille, mit grau gewordenem Gesicht und leicht verwegener Baskenmütze. Er sieht ihn weit weg und klein, im Spiegel der Bar, wo er ihm das letzte Mal begegnet war: da ist sein Bild, hinter den Aperitif-Flaschen, mit einem beschlagenen Lächeln. Er sieht das Haus im Dorf wieder, wo Renzo sich in Gesellschaft einer Ziehharmonika niedergelassen und wo er ihm die Geschichte des Sakristans aus dem letzen Dorf oben im Tal erzählt hatte, einem, der Die Verlobten seitenweise auswendig konnte: er war fasziniert von Einzelgängern, der Renzo. Einmal hatte er ihm seine Aufzeichnungen gezeigt. Ein Satz fällt ihm ein: «Die Natur ist keine gute Mutter.» Wo hatte Renzo es hergenommen, dieses Zitat? Aus einem Kalender? Aus einem Buch? Oder stammte der Satz von ihm selbst? Dieser Junge verstand von allem ein bisschen was und lehnte Spezialisierung ab. Aber um zu leben, muss man sich spezialisieren. Das ist es, Renzo konnte mit seinem Leben nichts anfangen. Bei der Beerdigung hatte der Pfarrer gesagt, dass ihn die schlechte Gesellschaft ruiniert habe. Eine dumme Pfaffenpredigt. Warum hatte Renzo sich bloss umgebracht? Und warum hatten er und Silvana sich nicht geliebt?
«Hilfe», schreit das Kind von ihrem Haus aus. Wie schön wäre es, diese Scheune mit dem Rosmarin davor zu besitzen und jeden Tag mit dem Vater auf diese Wiese zu kommen, um auf Grashalmen zu blasen!
Jetzt hat sich das Kind die Beeren um den Hals gelegt, eine Kette, die stärker leuchtet im letzen Sonnenlicht.
