Circolare
Prosa
Übersetzt von Ruth Gantert, Maja Pflug, Clà Riatsch, Barbara Sauser
gebunden mit Schutzumschlag, 144 Seiten
Februar 2018Mit ihrem Prosaband nimmt uns Anna Felder mit auf Reisen an ferne und nahe Orte. Wir reisen mit ihr nach Lugano, Sizilien, Olten, Bern und Spanien und weitere Orte, und wir begegnen den unterschiedlichsten Menschen. Etwa einem Barmann in Italien, der die Worte rund und rein hervorbringt, einem pensionierten Versicherungsagenten beim Hundespaziergang, einer Frau, die sich beim Streichen eines Butterbrotes nicht stören lässt, oder Teresa, die barfuss in die Erzählung eintritt.
Überall mit dabei ist Anna Felders Gespür für das Besondere im Alltäglichen. Sie beschreibt in ihren kurzen Texten das Leben zwischen Bewegung und Innehalten, zwischen Beobachten und Weitergehen, und das alles in ihrer musikalischen, zerbrechlichen Sprache. Dabei entdeckt sie immer wieder im Fremden das Bekannte und im Bekannten das Fremde.
«Circolare» ist eine ganz eigene, innere, Geografie europäischer Orte und Unorte.

Bildrechte: Ladina Bischof

Bildrechte: Georg Pflug

Bildrechte: AdS, Solothurner Literaturtage, Michal Florence Schorro
Pressestimmen
«Die kurzen Erzählungen, eher geschliffene Miniaturen, versammeln einige Qualitäten, die für Anna Felders musikalische Prosa typisch sind: Ein feinsinniger, oft melancholisch grundierter Humor verbindet sich mit einem irritierenden Blick unter die Oberfläche der Dinge und menschlichen Beziehungen; durch die ungewöhnlichen Perspektiven öffnet sich unversehens Abgründiges, Existentielles.» Tages-Anzeiger
«Anna Felder haucht dem unscheinbar Alltäglichen einen mystischen Zauber ein. Er ist getränkt von der Liebe zum Leben. Man spürt beim Lesen die achtsame Komponistin im Hintergrund, die kühl beobachtet und danach sorgsam abwägend Wort um Wort aufs Papier bringt, die Musikalität des Sprachflusses überprüfend.» SRF
«Wie ihre früheren Werke zeichnen sich auch diese Erzählungen durch einen liebevollen Blick unter die Oberfläche des Alltäglichen aus.» Aargauer Zeitung Online
«Die eindringlichsten Geschichten sind jene, in denen Felder Sehnsucht, Irritation, Überdruss und Gespaltenheit spüren lässt – ohne je das abgegriffene Wort ‹Heimat› zu verwenden.» Luzerner Zeitung
«Wunderbar leicht erzählt, mit feinem Schalk unterlegt.» Luzerner Zeitung
«Anna Felder mag keine Sensationen, es sind eher alltägliche Begebenheiten, die sie mit Schalk und Raffinesse erzählt. Ihre Texte lesen sich meist einfach und gut verständlich. Doch im Detail haben sie ihre Tücken.» Viceversa Literatur
«Die Autorin schreibt über eine Welt, die sie kennt und intensiv beobachtet. Das Alltagsgeschehen wird in kurzen Texten, immer durchzogen von feiner Ironie, ausgesponnen und oft sinnbildlich reflektiert. Jede Geschichte scheint in einem langen Prozess geschliffen zu sein, um am Ende in vielen Facetten zu funkeln.» Schweizer Revue
«Felder führt Aussergewöhnliches an gewöhnlichen Menschen vor und macht daraus reinste Poesie.» CarpeGusta
«Felder beschreibt in ihren kurzen Texten das Leben zwischen Bewegung und Innehalten, zwischen Beobachten und Weitergehen, und das alles in ihrer musikalischen, zerbrechlichen Sprache. Dabei entdeckt sie immer wieder im Fremden das Bekannte und im Bekannten das Fremde.» Stadtzauber Kulturmagazin
Entdecken
Wenn ihr sie zur Stosszeit durch die Fussgängerzone laufen seht, ein wenig unzeitgemäss gekleidet wie jemand, der von ausserhalb kommt, ohne Tourist zu sein, wenn ihr seht, wie sie im Hin und Her der Menschen stehen bleibt wie jemand, der jemanden sucht, niemanden sucht da im Staub, dann ist sie es, ganz bestimmt. Marisa.
Wer ruft mich?, fragt sie sich. Suchend dreht sie sich nach der Stimme um.
Beim Namen gerufen, Marisa: mit langgezogenem i, wie sie es hier machen; sie hatte es nicht vergessen, sie hatte einfach nicht mehr daran gedacht.
Dort, in der Stadt draussen, hatte sie sich nie so Marisa nennen hören, wie es sich gehört. Hier schon, hier beharren sie auf dem i: seit ihrer Geburt, heute wie damals.
Jemand hat sie gerufen, halt, Tante Lia auf der Veranda von damals.
Alle rufen sich hier, grüssen von einem Bogengang zum anderen, schau sie an: Doch kaum drehst du dich um, verschwinden die Namen in den a der Strasse, in den i, in den Apfelsinen, auf den Stiegen, in den Sandalen.
Und Tante Lia? Hinter den Kamelien auf der Veranda rief sie, beobachtete die Passanten: die ausgestreckte Hand im Grün, eine grüssende Kamelie: Marisa … Dort, wo jetzt die frühere Gotthard-Bank von Botta rottet, man kann sie nicht verfehlen.
Erkennt man die Stadt noch, wenn man nach langen Pausen zurückkehrt?
Die Stimmen ja, die erkennt man, und die Kehren, den Lauf der Sonne, Osten Westen, See Gebirge: Niemand hat mit den Jahren postmoderne neue Berge, neue Seen, neue San Salvatori geschaffen.
Immer gleich geblieben unter dem Himmel, rufen sie sich zum Gruss ihre Namen zu: die in den Sandalen enden, ja klar, und unter Wasser, unter der Erde; auch heute werden die Gemüsehändler, die Architekten, die Neugeborenen wieder dafür sorgen, sie lebendig auf die Strasse zu werfen.
Eine altmodische Marisa ohne Gepäck fühlt sich sofort gerufen, blitzschnell erkennt sie den Appell. Ginge sie dann in die andre Welt hinüber, werden sie sie im Glitzern der kühn geschwungenen Brücken von morgen – Fussgängerbrücken werden sie heissen – dennoch weiter rufen wie einen Hausschatten, wie eine von ihnen, Mariisa, Mariisa: wie eine, die immer da war, seht ihr nicht, dass sie sich umdreht?
