Vier Seiten Leben
Der Fall Martha L.
2. Auflage, gebunden, 176 Seiten
April 2026Beim Aufräumen ihres Familiennachlasses stösst Dorothee Kohler auf den Namen einer Tante, von der sie nichts wusste: Martha Luginbühl, geboren im Mai 1894. Da steht es, schwarz auf weiss. Ihr Vater hat nie von einer älteren Schwester erzählt und auf Familienfotos finden sich keine Hinweise auf sie. Warum wurde über Martha nie gesprochen?
Dorothee Kohler beginnt zu recherchieren und entdeckt, dass Martha als junge Erwachsene in psychiatrischen Institutionen untergebracht war. Anhand einer kargen Klinikakte will sie Marthas Fall nachvollziehen. Darin ist von einer «unfügsamen» Patientin die Rede, die sich wehrte. Es finden sich weitere Dokumente, die fragwürdige Behandlungsmethoden im frühen 20. Jahrhundert offenlegen, besonders im Umgang mit weiblichen Patientinnen.
Beim Versuch, der Wahrheit nachzuspüren, öffnet sich ein leiser Raum, und die Umrisse eines Lebens werden sichtbar. Persönlich, präzise und berührend erzählt die Autorin von einer versehrten jungen Frau.

Bildrechte: Samuel Schalch
Pressestimmen
«Kohler geht den Hintergründen zur Psychiatrie um 1900 nach und verarbeitet diese zu einem gut lesbaren Text. Das Resultat ist weder ein bestürzender Roman noch ein faktenschweres Sachbuch, sondern im besten Sinne beides.» Eva Bachmann, Saiten
«Dorothee Kohler recherchiert vertieft und zeigt auf, dass mehrere weitere Frauen und wenige Männer im Asyl von einem solchen Eingriff betroffen waren. Private Spuren zu Martha fand Dorothee Kohler praktisch nicht. Das Schweigen in der Familie bleibt undurchdringlich. Doch mit dem Buch verschafft die Nichte ihrer Tante und damit unzähligen anderen Betroffenen von Zwangsmassnahmen eine Stimme. Es ist eine Stimme, die nachhallt.» Annika Bangerter, CH Media
«Eine aufwühlende, unglaubliche und tragische Familiengeschichte und ein wichtiges Zeitdokument – dieses Leben wird mich noch einige Zeit beschäftigen.» Sandra Bellini, Buchhandlung Bellini
Veranstaltungen
Mittwoch, 23. September 2026
19:45 Uhr
Literaturhaus Zentralschweiz
Alter Postplatz 3, 6370 Stans, Schweiz
Marleen. Die Psychiatrie des Wahns & Vier Seiten Leben. Der Fall Marta
Lesung und Gespräch mit Ina Boesch und Dorothee Kohler
Zeitgleich erscheinen zwei Publikationen, die sich dem düsteren Kapitel der weiblichen Psychiatriegeschichte widmen: Durch Zufall stiess die Kulturpublizistin Ina Boesch auf die Akte ihrer Tante Marleen, die an Schizophrenie litt und 1947 lobotomiert wurde. Eine persönliche Annäherung an den fatalen Irrtum der Medizin, den Wahnsinn mit dem Skalpell zu bekämpfen. – Beim Aufräumen ihres Familiennachlasses stösst die Germanistin Dorothee Kohler auf den Namen einer Tante, von der sie nichts wusste. Auf den Spuren von Martha L., die als «ungefügsame Patientin» in psychiatrischen Institutionen untergebracht war, taucht die Germanistin Dorothee Kohler in die Lücken und Abgründe der Psychiatriegeschichte des 20. Jahrhunderts und bringt karge Dokumente einfühlsam zum Erzählen.
Moderation Tuğba Ayaz
mehr Informationen und Tickets
T: 041 610 03 65
info@lit-z.ch
www.lit-z.ch/
Mittwoch, 21. Oktober 2026
18:00 Uhr
Lobotomie oder Chirurgie des Wahnsinns
Ina Boesch und Dorothee Kohler erzählen
Im 20. Jahrhundert wurden zehntausende von Menschen Opfer der Lobotomie. Ina Boesch und Dorothee Kohler beleuchten je anhand der Krankengeschichten ihrer Tanten eines der düstersten Kapitel der Medizingeschichte und zeigen, welches Leid diese Chirurgie des Wahnsinns verursachte
Moderation Marietta Meier
Eintritt Wahlpreis CHF 35.-/ 25.-/15.-
T: +41 44 415 68 67
karl.debattieren@zuerich.ch
www.zuerich-liest.ch
Sonntag, 25. Oktober 2026
10:00 Uhr
Die Indie-Matinee
mit Dorothe Kohler
Frischer Wind aus unabhängigen Schweizer Verlagen! Auch Dorothee Kohler liest aus und spricht über «Vier Seiten Leben»
Wahlpreis CHF 20.-/ 15.-/ 10.-
T: +41 44 415 68 67
karl.debattieren@zuerich.ch
www.karldergrosse.ch/
Sonntag, 06. Dezember 2026
17:00 Uhr
wird bei Anmeldung bekannt gegeben
wird bei Anmeldung bekannt gegeben, Zürich, Schweiz
Sofalesung
mit Dorothee Kohler
Dorothee Kohler liest aus und spricht über «Vier Seiten Leben»
Eintritt Zahl, was du magst: CHF.- 10 / 20 / 30 (mit KulturLegi 5.-)
mehr Informationen
T: +41 76 361 59 73
info@sofalesungen.ch
www.sofalesungen.ch/kalender
Videos
Entdecken
Dorothee Kohler, in «Vier Seiten Leben» erzählen Sie die Lebensgeschichte Ihrer Tante Martha Luginbühl (1894-1918). Dafür mussten Sie viel recherchieren. Was stand am Anfang Ihrer Recherche?
Beim Ordnen des väterlichen Nachlasses fand ich unerwartet den Bürgerrechtsbrief meines Grossvaters. In dem Dokument sind die Namen und Geburtsdaten aller Familienmitglieder verzeichnet, diejenigen der Eltern Emil und Emilie Luginbühl und diejenigen der Kinder Martha, Emil und Nelly. Den Namen «Martha» hatte ich noch nie gehört. Mein Vater und seine jüngere Schwester, meine Patentante, hatten mir nie von ihr erzählt. Ich war irritiert, ratlos. Fragen konnte ich niemanden mehr. Also machte ich mich auf die Suche nach meiner unbekannten Tante.
Dabei fand ich heraus, dass Martha acht Jahre lang im Asyl Wil (St.Gallen) gelebt hat. Ihre Patientinnenakte aus dieser Zeit umfasst tatsächlich nur vier Seiten – vier Seiten für acht Jahre Leben. Dass die Aufzeichnungen so karg sind, hat mit der Situation der Klinik im frühen 20. Jahrhundert zu tun. Die Anstalt war permanent überfüllt. Es gab nur wenige und schlecht qualifizierte «Wärterinnen». Für eine individuelle Betreuung und eine differenzierte Aktenführung fehlten wohl einfach die Ressourcen.
Martha Luginbühl war als junge Frau in psychiatrischen Institutionen untergebracht, am längsten im Asyl in Wil. Wie kam es dazu?
Schon als Kind hatte Martha in «Anstalten» gelebt, weil die Familie mit der Betreuung überfordert war. Sie lernte kaum sprechen, hatte Anfälle und hochgradige Aufregungszustände. In keinem der angefragten Kinderheime habe ich Spuren von ihr finden können. Manche Institutionen existieren nicht mehr, andere haben ihre alten Akten vernichtet.
Mit fünfzehn Jahren kam Martha nach Neu St. Johann ins «Johanneum», eine katholische Anstalt für «bildungsfähige schwachsinnige Kinder». Vermutlich hofften die Eltern, dass ihre Tochter in diesem Internat entsprechend ihren Bedürfnissen gefördert werde. Doch nach neun Monaten wurde sie als «bildungsunfähig» entlassen. So blieb keine andere Möglichkeit mehr als das Asyl in Wil, wo Martha «versorgt» wurde und nach acht Jahren an der Spanischen Grippe starb.
Warum ist das Thema der fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen heute noch so wichtig?
Im Asyl Wil wurde Martha verschiedenen Zwangsbehandlungen unterzogen. Die eine ist das Deckelbad, dabei wurden «unfügsame» Patient:innen für Stunden oder Tage in ein Bad gelegt und durch einen Holzdeckel über der Wanne ruhiggestellt. Für Martha muss diese Erfahrung traumatisch gewesen sein. Besonders problematisch sind die Sterilisationen und Kastrationen, die der Klinikdirektor durchführen liess. Auch Martha wurde dieser Behandlung unterzogen. Sie sollte von ihren «menstruellen Tobsuchtsanfällen» befreit werden. Die Praxis in Wil erregte europaweites Aufsehen und wurde in psychiatrischen Fachzeitschriften heftig diskutiert.
Ganz allgemein kann man zu den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen festhalten: Bis in die 1980er Jahre wurden in der Schweiz armutsbetroffene oder unangepasste Kinder, Jugendliche und Erwachsene fremdplatziert oder eingesperrt. Es ist wichtig, dieses Unrecht öffentlich anzuerkennen und im Geschichtsbewusstsein zu verankern. Für die Gegenwart und die Zukunft gilt es, wachsam zu sein. Nie wieder sollen staatliche Institutionen auf diese Art in das Leben einzelner Menschen eingreifen können. Zwar ist die Schweiz in den letzten hundert Jahren vielfältiger und offener geworden. Aber wir sind immer noch weit davon entfernt, eine inklusive Gesellschaft zu sein, die allen Menschen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht – unabhängig von sozialer oder ethnischer Herkunft, von Geschlecht und körperlicher oder psychischer Gesundheit.
Was hat Sie bei der Arbeit an diesem Buch am meisten beschäftigt?
Meine Recherche hatte zwei Dimensionen, eine psychiatriegeschichtliche und eine persönliche. Die Lebensgeschichten der Psychiatriepatient:innen gingen mir nahe. Anderseits beschäftigte mich auch die Hilflosigkeit der Ärzt:innen und der Pflegenden, denen im frühen 20. Jahrhundert keine Mittel zur Verfügung standen, um Menschen mit Ängsten, Wahnvorstellungen oder Erregungszuständen zu helfen.
Und natürlich beschäftigt mich immer noch das Schweigen meiner Familie. Ich habe meinen Vater und seine jüngere Schwester als offen, sensibel und menschenfreundlich erlebt. Trotzdem haben sie mir nie von Martha erzählt. Es ist schmerzlich, dass ich sie nicht mehr fragen kann.
