Rosenkranz und Fasnachtstanz
Walliser Frauenleben. Dreizehn Porträts
Mit Texten von Franziskus Abgottspon, German Escher, Elisabeth Joris, Christa Mutter, Susanne Perren, Luzius Theler / Mit Fotografien von Bernhard Lochmatter / Mit einem Vorwort von Klara Obermüller
gebunden, 200 Seiten, 51 Abb.
Dezember 2007Die eine war Klosterfrau – und zog dann doch ein Leben in der Pariser Society vor. Die andere war versiert als Schmugglerin, listig, lustig und charmant. Und die Gertrud erst – sie gebar 18 Kinder, immerhin. Wäre da noch Marie, die Bäuerin und Magd, die sich mit 70 ihr Eigenheim baute. Gemein ist ihnen und den andern, dass sie ein Bild des Wallis zeichnen, wie man es nicht erwarten würde: originell, erfrischend eigen, gelegentlich ein bisschen durchtrieben, immer aber unverblümt, willig und direkt. Charakterstark. Eine Hand am Rosenkranz, ein Bein im Fasnachtstanz. Die Walliser Frauen berichten vom kargen Leben, das sie nicht als solches empfinden und gerade deshalb die Lebensbühne Wallis erstaunlich offen interpretieren.
Ein Dutzend Porträts von Frauen aus verschiedenen Regionen des deutschsprachigen Wallis geben Einblicke in das Leben eines ganzen Jahrhunderts.

Bildrechte: Christine Srub
Pressestimmen
Schule und Bildung Kanton Schwyz, 15. April 2005
Tages-Anzeiger, 5. Juni 2018
«Ein kleines Denkmal für eine heroische Frauengeneration. Zusammengehalten werden die Frauenschicksale von einer Klammer, die zwar konkret in Schwarz-Weiss daherkommt, aber von subtiler Eindrücklichkeit ist, nämlich von den Bildern von Bernhard Lochmatter. Freilich kommt auch ‹Rosenkranz› nicht ohne eine gewisse Portion Exotismus aus. Dieser liegt aber weniger in der Auswahl der portätierten Frauen als vielmehr in der Tatsache, dass diese Generation eben die letzte ist, welche die versunkene Welt der bergbäuerlichen Kargheit noch am eigenen Leib erfahren und miterlebt hat.» Walliser Bote
«All die Clichées von rückständigen Berglerinnen und unterwürfigen Kirchgängerinnen bewahrheiten sich aber nicht: Die Frauen äussern frei ihr weltoffenes Gedankengut und betonen auch ihre Selbständigkeit.» Luzerner Zeitung
Entdecken
Es hat etwas Unbeschwertes, Gelassenes, wenn Selina Mittner an früher denkt. Nichts von dem harten Alltag, den die karge Landwirtschaft im Saastal ihnen abverlangte. «Die schönste Zeit, mein Lebtag lang, hatte ich in Zermeiggern.» Am 13. Juni 1918 kommt sie in diesem kleinen Weiler bei Saas-Almagell zur Welt. Vier ältere Schwestern, ein jüngerer Bruder. Zwölf Familien leben in der idyllischen Siedlung. Sie wird ihnen 1961 enteignet werden, genauso wie die Distelalp, die als Sommerresidenz höher und weiter hinten im Tal liegt. Beide – Weiler und Alp – sind unersetzliche Heimat für sie, und beide müssen dem Bau des Mattmarkstauwerkes weichen. Die Distelalp dem Stausee, Zermeiggern dem Ausgleichsbecken und der Zentrale des Kraftwerkes Mattmark. Immer wieder kehrt Selina Zurbriggen in Gedanken an diese trauten Orte zurück. «Wir haben uns sehr gewehrt. Sie bezahlten uns, bezahlten aber schlecht. Doch die vier Gemeindepräsidenten des Tales haben sich damals für das Kraftwerk entschieden.»
Die Mutter, Hebamme und Bäuerin, bewirtschaftete zusammen mit den Kindern die Alp, hütete Vieh und bestellte die Gärten im Weiler. Der Vater, Bergführer und Zimmermann, sorgte für ein bescheidenes Einkommen. «Wir hatten vierzig Kühe in Pacht auf der Alp. Wildheu fürs Vieh gab es zu wenig dort. Wir Mädchen gingen faxu, Kräuter, Disteln und Wildheu sammeln, trockneten diese und gaben sie den Kühen zum Lecken.» Mit Sicheln seien sie als junge Mädchen die kargen, felsigen Berghänge emporgeklettert und hätten das Wildheu (die Faxe) geschnitten.
Im Winter gab es Heimarbeit für die Schulmädchen. Der Vater sägte Holz für den Häuserbau, die Mutter und ihre Töchter spannen und strickten. «Fremde brachten die Wolle in grossen Säcken. Zum Teil hatten wir aber auch eigene Wolle. Wir haben sie gesponnen und nach St. Gallen eingeschickt oder Socken und Mützen gestrickt. Aber bezahlt haben auch diese schlecht.» Zwei Franken pro Sockenpaar.
