Eingesperrt, ausgeschlossen
Daniela Kuhn

Eingesperrt, ausgeschlossen

Besuchs- und Ausgehverbot in Heimen: 17 Bewohner und Angehörige erzählen

Mit einem Nachwort von Franziska Sprecher

152 Seiten, Klappenbroschur, 17 Farbfotografien
Dezember 2020
SFr. 27.–, 27.– €
sofort lieferbar
978-3-03926-010-2

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Schlagworte

Lebensgeschichten Alter
     
Das Virus in Heimen vermeiden – um welchen Preis?

Daniela Kuhn durfte ihre 84-jährige Mutter während des Lockdowns im Heim nicht besuchen.
Sie wollte wissen, wie andere die Zeit des Ein- und Ausgesperrtseins erlebt haben. Was passiert,
wenn mündige Personen ungefragt in einer Weise geschützt werden, die ihrem Alltag das nimmt,
was ihn lebenswert macht?

17 Heimbewohner und Angehörige gaben ihr Antwort: die ehemalige Pflegefachfrau, die im Altersheim denunziert wurde, nachdem sie ausserhalb der erlaubten Zone beim Giessen des Ginkgo-Bäumchens ertappt wurde; der im Altersheim im Maggiatal eingesperrte ehemalige Wirt, der gerne wieder seinen beiden freiwilligen Jobs nachgehen würde; die Tochter, die verzweifelte, weil ihre demente Mutter am Telefon immer wieder zu ihr sagte: «Ich bin so allein!»

Das Buch bietet Leserinnen und Lesern, die Ähnliches erlebt haben, eine Art Echo, in dem sie Aspekte ihrer eigenen Geschichte wiederfinden. Es verweist auf personelle und somit auch finanzielle Missstände in der Langzeitpflege. Es zeigt, wie dringend es ist, sich um Lösungen zu bemühen, damit Menschen in Heimen künftig selbst entscheiden können, ob sie ein gewisses Risiko der kompletten Isolation vorziehen. Auch Leserinnen und Lesern, die keine ähnlichen Erfahrungen gemacht haben, wird anhand der persönlichen Geschichten bewusst, dass sich ein generelles Ausgeh- und Besuchsverbot in Heimen nicht wiederholen darf.

Prof. Dr. Franziska Sprecher, Staats- und Gesundheitsrechtlerin an der Universität Bern, erläutert
in einem Beitrag, warum die rigorosen Massnahmen aus rechtlicher Sicht fragwürdig sind.

Daniela Kuhn

Daniela Kuhn, geboren 1969, ist freischaffende Journalistin und Autorin.

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Vorwort von Daniela Kuhn

Meine 84-jährige Mutter lebt in Zürich Wiedikon im Altersheim. Am Sonntag, dem 1. März 2020, übernachtete sie bei mir, was sie seit Jahren gerne tut. Sie hört kaum Nachrichten, ich erzählte ihr daher vom neuen Virus und bat sie, am Morgen mit dem Taxi zurückzufahren und in den nächsten Wochen keine öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen.

Am Dienstagabend sagte sie mir am Telefon, sie liege mit Fieber und Halsschmerzen im Bett. Ich war entsetzt. Ich fürchtete, sie habe sich mit Covid-19 angesteckt, mit dem Globalisierungsvirus, wie ich die Seuche damals für mich nannte. Ich hatte Angst, meine Mutter werde jetzt daran sterben.

Zu meiner grossen Erleichterung sah meine Mutter am nächsten Tag erstaunlich gut aus, Fieber und Halsschmerzen klangen bereits ab. Als ich tags darauf wieder bei ihr war, war ich mir sicher, dass sie bald ganz gesund sein würde. Auf mein Drängen hin ass sie die Gemüsesuppe, die ich in der Kochnische, die zu ihrem Zimmer gehört, aufgewärmt hatte. Danach legte sie sich wieder ins Bett und sagte, sie fühle sich schon viel besser.

Angesichts des immer bedrohlicher werdenden Virus radelte ich auch am folgenden Tag zum Altersheim.
Als ich an diesem Freitag, dem 6. März, dort eintraf, war das Leben, wie wir es bis anhin gekannt hatten, Vergangenheit. Unangekündigt hatte ein schwieriges Kapitel begonnen: Die Tür des Altersheims meiner Mutter war für sämtliche Besucher geschlossen.

Das Rosengesteck, das ich auf dem Weg gekauft hatte, durfte ich am Empfang abgeben. Meine Mutter wurde auf den Balkon ihres Zimmers gebeten, wo sie mir in Nachthemd und Wintermantel vom zweiten Stock aus zurief, sie habe nicht gewusst, dass ich sie nicht besuchen dürfe.

Sosehr ich die neuen Entwicklungen in der Zeitung und am Radio verfolgt hatte: Der Anblick meiner Mutter auf dem Balkon verstörte mich. Mit Gewalt von ihr getrennt zu werden, sie physisch nicht mehr erreichen zu können, erinnerte mich an die Willkür in totalitären Staaten.

Am nächsten Tag war meine Mutter wieder gesund.

Am 13. März 2020 trat in Zürich in allen städtischen Altersheimen, Pflegezentren und Spitälern ein Besuchsverbot in Kraft. Am Montag, dem 16. März, stufte der Bundesrat die Situation in der Schweiz als «ausserordentliche Lage» ein und verschärfte die Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung: Alle Läden, ausser für Lebensmittel, alle Restaurants, Bars sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe wurden geschlossen, der Präsenzunterricht an den Schulen war ab diesem Tag bereits verboten.

Ich drängte den Techniker des Altersheims, im Zimmer meiner Mutter einen Internetempfang einzurichten. Wir hatten früher mal zusammen ein Tablet gekauft und Skype darauf eingerichtet. Der Techniker bat mich um eine zweite SIM-Karte, die ich am zweiten Tag des schweizweiten Lockdowns, im einzigen offenen Swisscom-Geschäft, erwarb.

Am 18. März begannen unsere täglichen Skype-Gespräche, jeweils am Morgen kurz und abends ausführlich, während ein bis eineinhalb Stunden. Meine Mutter freute sich jedes Mal, mich zu sehen, Skype war für sie ein veritables Wunder, und auch ich war dankbar für diese Form des Kontakts. Sie gesund und munter zu wissen, war mir unglaublich wichtig. Gegenseitig erzählten wir uns vom Tag. So regelmässig und so lange hatten wir seit meiner Kindheit nicht mehr miteinander gesprochen.

Meine Mutter machte keinen leidenden Eindruck, sie blieb erstaunlich gelassen. Immer mehr realisierte ich, dass mich die Situation mehr belastete als sie. Der zwei Meter hohe Metallzaun, mit dem sich das Altersheim inzwischen vom Rest der Welt abschottete, war zwar auch für sie schwierig, aber er machte mir noch mehr zu schaffen, mehr auch als anderen Angehörigen, die ich vor dem Zaun antraf. Pflege- und Hilfspersonal ging ein und aus, junge Menschen, die im Unterschied zu mir wahrscheinlich Familie haben. Wieso sie ein weniger grosses Risiko darstellen sollten als ich, die ich allein lebe, mein Büro in der Wohnung habe und in diesen Tagen nur mit dem Velo unterwegs war, leuchtete mir nicht ein.

Mitte Mai, nachdem wir zwei Mal, getrennt durch eine Plexiglasscheibe, während den erlaubten dreissig Minuten beisammen und doch getrennt waren, als die Gartenrestaurants sich abends wieder füllten und das Leben neu erwachte, war meine Verzweiflung gross. Meinen Freundinnen konnte ich diese nur schlecht vermitteln. Mir wurde immer klarer, wie sehr das Leiden an dieser Situation mit der Intensität der Beziehung zu tun hat. Eine Freundin, deren Mutter auch im Altersheim eingeschlossen war, hatte in den ersten Wochen des Lockdowns zu mir gesagt: «Für mich ist es okay, auch wenn meine Mutter jetzt sterben würde. Im Moment geht es ihr gut, sie ist gut aufgehoben dort.»

Ich dachte, meine Betroffenheit habe mit meiner Geschichte zu tun. Meine Mutter und ich waren in meiner Kindheit und Jugend wegen ihrer psychischen Krankheit oft und auch über längere Zeit voneinander getrennt gewesen. Seit 2018 arbeitete ich an einem Manuskript für ein Buch über sie, über sie und mich, dem ich nun einen Corona-Teil hinzufügte.

Das Schreiben tat mir gut, aber es half nur bedingt. Ich war wütend und fühlte mich in einer Art machtlos, wie ich sie noch nie erlebt habe. In regelmässigem Abstand erhielt ich per E-Mail Informationen aus dem Altersheim, in einem für mein Empfinden autoritären Ton verfasste Schreiben, in denen die Angehörigen auf eine potenzielle Gefahr reduziert wurden. Ich wandte mich an Pro Senectute Schweiz, die grösste Fach- und Dienstleistungsorganisation für Altersfragen, und Curaviva, den nationalen Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Unterstützungsbedarf, wo ich freundlich angehört wurde, jedoch ohne die geringste Hilfe zu erhalten. Schlimm war vor allem die fehlende zeitliche Perspektive. Ich befürchtete, das Altersheim bleibe auf Monate hinaus geschlossen.

Zum Glück kam es anders. Ende Mai wurde der Metallzaun für Bewohner und Angehörige geöffnet. Am 27. Mai sahen wir einander wieder. Meine Mutter fuhr mit dem Taxi zu mir. Es war ein sonniger Morgen ohne Skype, Stoppuhr, Überwachung und Plexiglasscheibe – eine grosse Freude für uns beide.

Ich konnte meine Mutter fortan wieder sehen, ihr ging es sehr gut, worüber ich mich unendlich freute, aber ich spürte zugleich, wie erschöpft ich war.

In der Woche darauf beeindruckte mich Thomas Manhart in der Sendung Club des Schweizer Fernsehens, in der zum Thema «Betagte – Leben im ‹Corona-Gefängnis›?» debattiert wurde. Der ehemalige Chef des Amts für Justizvollzug des Kantons Zürich erklärte, die Freiheitsberaubung von alten und behinderten Menschen sei juristisch nicht haltbar und seines Erachtens auch nicht mit dem Epidemiengesetz begründbar. Auch mich hatte die rechtliche Grundlage der Massnahmen im Altersheim meiner Mutter schon vom ersten Tag an beschäftigt. Endlich stellte sie jemand infrage.

Mitte Juni hörte ich am Radio zwei Kontext-Sendungen. Die eine ging der Frage nach, was es heisst, plötzlich Risikopatient zu sein, die andere trug den Titel «Isoliert und vergessen – Schutz vor Corona schadet alten Menschen». Plötzlich war mir klar: Das ist mein nächstes Projekt.

Ich will Menschen zu Wort kommen lassen, die in den letzten Monaten in Institutionen ein- oder ausgesperrt waren. Ihre Geschichten sollen aufzeigen, welchen Preis wir bezahlen, wenn in einem Klima der Angst nur noch die Vermeidung von weiteren Ansteckungen mit dem neuartigen Virus zählt.

Als ich die Arbeit an diesem Buch begann, sass mir die Erfahrung, die ich mit dem Altersheim meiner Mutter gemacht hatte, in den Knochen. Ich konnte mich nicht überwinden, direkt bei Heimleitern um Kontakte zu Menschen zu bitten, die unter dem Besuchs- und Ausgehverbot gelitten hatten, denn ich hatte den Gitterzaun, auch in kommunikativer Hinsicht, als totale Verschlossenheit erlebt.

Also wandte ich mich erneut an Pro Senectute und bat um Kontakte zu Menschen, die sich wie ich in der Not bei der Organisation gemeldet hatten. Am Telefon erklärte mir der Kommunikationsverantwortliche, man würde bestimmte Dienstleistungen anbieten, die mit meiner Anfrage leider nichts zu tun hätten, er fände mein Projekt jedoch eine gute Idee. Er versprach, mein Anliegen an die zuständigen Sektionen weiterzuleiten, und ich formulierte es wie gewünscht auch noch schriftlich, hörte dann aber nie mehr einen Ton.

Mehr Glück hatte ich bei Katharina Bochsler, Wissenschaftsredaktorin bei Radio SRF, die mich mit einer ganzen Reihe von Kontakten eindeckte. Unter anderem empfahl sie mir, mich an Franziska Sprecher zu wenden. Das Engagement der Rechtsanwältin und Assistenzprofessorin für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Bern war schon beim ersten Telefongespräch spürbar, und so habe ich Franziska Sprecher um einen Beitrag für dieses Buch gebeten.

Tagblatt Zürich, 2. Dezember 2020
Zentralplus, 12. Dezember 2020
Blue News, 15. Dezember
Tages-Anzeiger, 21. Dezember 2020 (Beitrag der Autorin)


 

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