In der Fremde sprechen die Bäume arabisch
Usama Al Shahmani

In der Fremde sprechen die Bäume arabisch

Roman

192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag,

Förderpreis der Stadt Frauenfeld

August 2018
SFr. 29.–, 25.– € / eBook sFr. 24.80
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978-3-85791-859-9

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«Einzigartige sprachliche Intensität» FAZ

Usama Al Shahmani steckt mitten im Asylverfahren, ohne Geld, ohne Arbeit, als in Bagdad sein Bruder Ali spurlos verschwindet. In den sicheren Süden wollte er nicht gehen, wenn er Bagdad verlassen soll, dann möge ihn Usama bitte herausholen aus dem Irak. Aber wie soll dieser die zweitausend Dollar für die Flucht nach Beirut aufbringen? Da kommt auch schon die Nachricht von dessen Verschwinden.

Während Usama mit Ankommen mehr als beschäftigt ist, treffen laufend Nachrichten aus dem Irak ein. Bilder aus dem Leichenschauhaus, von denen doch keines Ali zeigt. Windige Typen aus der Hochsicherheitszone in Bagdad, die bestochen werden wollen für angebliches Wissen. Vorwürfe der Mutter, es wäre nicht passiert, wenn er nicht geflüchtet wäre.

Diese persönliche Geschichte und ein im Exil entdecktes, neues Verhältnis zur Natur formt Usama Al Shahmani zu einem vielschichtigen Roman über den Spagat eines Lebens zwischen alter und neuer Heimat.

Usama Al Shahmani

Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Al Nasiriyah), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert, er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 als Flüchtling in die Schweiz kam. Er arbeitet heute als Dolmetscher und Kulturvermittelter und übersetzt ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion» von Friedrich Schleiermacher. Usama Al Shahmani lebt mit seiner Familie in Frauenfeld. «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» ist sein erster Roman.

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Der Baum der Liebe — 7

Der Baum der Hoffnung — 18

Der Baum der Ungewissheit — 55

Der Baum des Todes — 88

Der Baum der Heimat — 124

Der Baum des Traums — 157

Der Baum der Geduld — 177

Auszug aus «Der Baum der Liebe»

Mir waren alle diese Bäume in dem Wald fremd bis auf einige wenige, die in einer schönen Reihe dastanden wie ein arabisches Gedicht aus sieben Worten. Sie waren mir gleich vertraut, als seien wir alte Bekannte. Sie formten eine Gemeinschaft, wie eine wahre Liebe.

Ich weiß nicht, was mich dazu bewog, diese Bäume mit lauter Stimme anzusprechen. War es ihre beeindruckende Erscheinung? Eine große Linde in der Mitte war für mich wie eine Mutter, und ich sagte in der Stille unter den Bäumen zu ihr auf Arabisch: hub. Das Echo kam nicht als «Liebe» zurück, sondern auf Arabisch. Ich war verblüfft und fuhr fort: semah – schager, Himmel – Bäume.

Hub – semah – schager – Das arabische Echo kam anders aus dem Wald zurück; es hörte sich schlanker an, schärfer.

Es war ein schönes Gefühl, Arabisch zu hören im Wald. Es war also gar nicht so, dass die Natur stumm war, man musste sie nur ansprechen und ihr zuhören. Und die Bäume in der Fremde sprachen sogar arabisch, sagte ich mir und öffnete meine Arme. Ich saugte den Duft der Bäume in mich auf, betrachtete die Zweige und Knospen und spürte, dass mich der Wald annahm. Ich bekam das Gefühl, dass ich die Wege kannte, pfiff auf die Wegweiser – und verirrte mich. Angst, nicht mehr herauszufinden, hatte ich trotzdem nicht.

 

Im Irak war ich nie im Wald. Die Bilder von Bäumen und Wäldern in meinem Kopf stammen aus Geschichten, die mir meine Großmutter erzählte. Ich wuchs in Städten auf, in denen nur wenig Grünflächen anzutreffen sind. Abgesehen von privaten Gärten sieht man Bäume nur auf den Feldern außerhalb der Stadt.

Unsere einheimischen Bäume, die Dattel-, Oliven-, Granatapfel- und Zitronenbäume, werden von Menschenhand gepflanzt und gepflegt. Bäume in freier Natur wachsen anders, das hatte meine Professorin, die uns damals in moderner arabischer Lyrik unterrichtete, immer wieder betont. Ihre Liebe zur Natur und zu Bäumen war so leidenschaftlich wie die für kurze Texte. Sie war körperlich und geistig fit, und wenn sie von Poeten und Dichtern sprach, war sie sich ihrer Sache so sicher, als hätte sie täglich Umgang mit ihnen.

«Die schönsten Verse der Poesie sind jene, die die Natur widerspiegeln, und ein gutes Gedicht muss man auswendig gelernt haben, um seine Seele lebendig zu halten», sagte sie.

Ihr Einfluss auf die Klasse war groß, viele Studenten waren in sie verliebt, mich eingeschlossen. Sie war schön, offen, liberal, ledig und hatte eine starke Persönlichkeit. Vor so einer Persönlichkeit hatten viele irakische Männer nicht nur Respekt, sondern waren ihr gegenüber sogar achtsam. Bei den Professoren war sie unbeliebt mit ihrem Selbstbewusstsein, starke Frauen sieht man in unserer Gesellschaft, egal in welcher Schicht, nicht gern, man hat lieber schwache, die ohne Mann nicht zurechtkommen. Der Krieg hat die Position der Frau zusätzlich geschwächt und ihr weitere Freiheiten genommen.

Diese Professorin war das genaue Gegenteil solcher Vorstellungen. Einmal sagte sie uns: «Wenn ich mich als Kind zu Hause unterdrückt fühlte, ging ich barfuß in unseren Garten. Ich brach kleine Äste des Granatapfelbaumes ab und begann, mit ihnen zu spielen. Heute noch tue ich dasselbe, denn das beste Mittel gegen die Bitterkeit ist für mich die Nähe zu Bäumen, aber anstatt mit Ästen zu spielen, schreibe ich heute damit ein kurzes Gedicht auf die Erde.»

«Wieso Granatäpfel, haben Sie keine anderen Bäume?», fragte sie eine Studentin.

«Doch, wir haben andere Bäume, aber der Granatapfelbaum ist in unserer Kultur der Baum der Liebe, das müssten Sie eigentlich wissen», sagte sie und begann, ihre Bücher zusammenzuräumen.
Ich wusste, was sie meinte, meine Großmutter hatte es mir einmal erzählt. An jedem Granatapfelbaum hängen viele Granatäpfel, doch nur einer, ein einziger von ihnen trägt einen ganz besonderen Kern. Dieser Kern gehört dem Paradies, und wer diesen Kern gekostet hat, dem soll Liebe, Freude und Glück im Leben widerfahren.

«Teile nie eine Granatapfelfrucht mit jemandem, mein Sohn, denn du weißt nicht, ob du nicht deine Liebe weitergibst», hatte mir meine Großmutter eingeschärft.

«Und du? Du isst ja gerne Granatäpfel. Hast du den Kern in deinem Leben gefunden?», fragte ich sie.

Sie lachte: «Als ich blutjung war, habe ich mit allen Mädchen aus meinem Dorf über die Liebe gesprochen. Wir lachten und kicherten, flüsterten einander aber nur die Hälfte unserer Geheimnisse zu.»

«Ja, aber sag mir jetzt, ob du diesen Kern gefunden hast? Erzähl mir, wie hast du meinen Großvater kennengelernt?»

Meine Großmutter erzählte mir, dass sie ihren Mann bei ihrer eigenen Hochzeit zum ersten Mal getroffen hatte. Es war für die Mädchen damals nicht möglich, ihren Bräutigam vor der Hochzeit kennenzulernen. «Ich konnte ihn durch das Fenster sehen, als sein Vater mit ihm in unser Haus kam. Sie haben um meine Hand angehalten», erzählte sie, es war ein sonniger Wintertag, sie hatte meine kleine Schwester auf dem Schoß, streichelte sanft über ihr Haar und fuhr fort: «Ich habe in der gleichen Nacht geweint. Ich hatte Angst, denn er sah aus wie der Stamm einer Dattelpalme, ich wollte ihn nicht heiraten. Meine Mutter versuchte, mich davon zu überzeugen, dass ein kräftiger, starker Mann Glück im Leben bringe. Sie sagte mir, ich solle in der Hochzeitsnacht meinen Fuß mit etwas Druck auf den rechten Fuß meines Bräutigams legen. Dadurch würde ich das letzte Wort im Hause haben.»

«Aber das hast du ja wirklich! Hast du fest gedrückt?», fragte ich verwundert.

«Nein, ich kam gar nicht dazu.»

«Und bist du durch diese Heirat glücklich geworden?» Nachdenklich faltete sie ihre Hände und schaute mich einen Moment an.

«Ob ich glücklich bin, das weiß ich nicht, mein Junge. Ich habe einfach geheiratet.»

Sie kannte das Glück nicht, und trotzdem strahlte sie stets Liebe und Licht aus und trug ein sanftes Lächeln. Sie war wie eine Sonnenblume: Sie benötigte keinen Kompass, um sich der Sonne zuzuwenden. Jede Begegnung mit ihr war für mich wie ein neuer Anfang, um das Leben im Irak zu ertragen. Sie hat für die Familie viel Gutes getan, trotzdem ist von ihr nicht viel geblieben. Das Haus, in dem sie mit meinem Großvater und ihren acht Kindern ein halbes Jahrhundert lebte, wurde verkauft und vom neuen Besitzer abgerissen, um Platz zu schaffen für eine Autowaschanlage. Auf meiner letzten Reise in den Irak musste ich feststellen, dass keines der über vierzig Enkelkinder etwas von ihr erzählen oder eine persönliche Erinnerung mit mir teilen konnte. Wie kann es sein, dass von einem Menschen, den alle geliebt haben, nichts bleibt, nicht einmal ein Foto?

 

Dass kein Granatapfelbaum in diesem Wald zu finden war, hatte mich nicht daran gehindert, dasselbe zu tun. Ich versuchte, wie meine Professorin meine Worte mit Ästen auf den Boden zu schreiben. Ich wischte das Laub zur Seite und schrieb ein kleines Gedicht:

Ich bin der Fremde. Ich habe Hoffnung
und einen Koffer voller Geheimnisse. Beides trage ich und gehe,
wie ein Sufi, der geduldig
zu blühen versucht, wo immer der Herr ihn hingepflanzt hat.

Als ich die Zeilen auf dem Waldboden hinterließ, beruhigte mich der Gedanke, dass sich ein Leser wohl auch etwas fremd vorkommen würde, wenn er meine arabischen Zeichen antraf. Kann man sich in der Natur fremd fühlen?, fragte ich mich. In jenem Moment empfand ich absolute Liebe und Zugehörigkeit.

CarpeGusta, 11. September 2018
Literaturblatt.ch, 11. September 2018
Appenzeller Volksfreund, 21. September 2018
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Oktober 2018
Deutscher Bibliotheksdienst EKZ, 22. Oktober 2018
Kulturtipp, Heft 23, Oktober 2018
Thurgauer Zeitung, 30. Oktober 2018
Buchmedia Magazin, Heft 36, Herbst 2018
Literaturkurier, 4. November 2018

Pforzheimer Zeitung, 13. November 2018
Perlentaucher.de, 15. November 2018
P.S. Zeitung, 16. November 2018
Literaturkritik.de, 19. November 2018
Literaturblatt, Nr. 43, Dezember 2018
P.S. Zeitung, 30. November 2018
NZZ am Sonntag, 9. Dezember 2018
Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 18. Dezember 2018
Neue Zürcher Zeitung, 4. Januar 2019
Radio SRF 1, Buchzeichen, 8. Januar 2018


«Das Buch übernimmt die Schönheit und Poesie von Usama Al Shahmanis Muttersprache ins Deutsche und bekommt dadurch eine einzigartige sprachliche Intensität.»  Frankfurter Allgemeine Zeitung

«Eine eindrückliche Geschichte über den Spagat zwischen zwei Kulturen, wunderschön poetisch erzählt.»  Literaturkurier

«Der Roman ist voller unbeantworteter Fragen und bringt damit dem Leser das Gefühl völliger Ungewissheit nahe. Der Protagonist setzt sich mit Emanzipation, Sprache und Kommunikation, dem Umgang mit Literatur, Gästen und Fremden und der Natur auseinander und wird zum Schnittpunkt zweier Kulturen. Am meisten jedoch beschäftigt er sich mit dem Konzept Hoffnung und versucht auf verschiedene Weisen, der Verzweiflung zu entgehen.»  Frankfurter Allgemeine Zeitung

«Diese Erzählung vom Ankommen in der Fremde ist zuletzt ein Requiem für den verschollenen Bruder. Und es beklagt mit dem Verlust des Bruders zugleich den Verlust von Tausenden, Abertausenden, unendlich vielen hoffnungsfrohen Menschen. So erzählt dieses Buch gleichermassen von einem, der in der Schweiz zu wandern und mit den Bäumen zu sprechen lernt, wie von einem Land und seinen Menschen, die um ihre Zukunft betrogen worden sind, die sich trotzdem nicht beugen lassen wollen, nicht von Gotteskriegern und auch von keinem Despoten.»  Neue Zürcher Zeitung

«Der Roman ist traurig und witzig – und ganz toll. Die Ereignisse rund um den verschwundenen Bruder Ali stehen sinnbildlich für die Situation im Irak. Wie Usama Al Shahmani aus einer persönlichen Geschichte eine Geschichte über die Lebenssituation einer ganzen Republik macht, ist mutig und hat mich absolut überzeugt, insbesondere weil er die Balance findet – er beschönigt nichts, sieht aber zugleich immer das Schöne.»  Martina Süess, SRF Literaturredaktorin

«Mit In der Fremde sprechen die Bäume arabisch hat Usama Al Shahmani einen hochgradig literarischen Schlüsselroman vorgelegt, der über die Bedeutung kultureller Aushandlungsprozesse, interkultureller Naturerfahrungen und Umweltzusammenhänge ebenso nachdenken lässt, wie über die Maxime, die Ernst Bloch seiner im nordamerikanischen Exil verfassten Studie Das Prinzip Hoffnung vorangestellt hat. „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern.“ Al Shahmanis Debütroman gibt Aufschluss darüber, wie viele Berge Hoffnung versetzen kann – jenseits metaphorischer Tendenzen, jenseits nationalistischer Sentenzen, jenseits kultureller Differenzen.»  literaturkritik.de

«Ein wunderbares Buch, das authentisch und ernsthaft Zeugnis gibt zwischen Fremdsein und Ankommen.» P.S. Zeitung

«Zart erzählt der 47-Jährige in seinem autobiografisch inspirierten Roman von Diktatur und Krieg im Irak, von Exil, Verlieren und Ankommen. Trauer, Humor und Weisheit verbinden sich in diesem poetischen Text, der nicht geradlinig berichtet, sondern sich verzweigt wie die Äste eines Baumes.»  NZZ am Sonntag

«In rhytmisch wechselnden Betrachtungen zu banalen und grossen Themen reflektiert der Protagonist über sich und seine Umgebung, stellt Menschen und Wesensarten einander gegenüber. Die neue Sprache wird zur zweiten Hauptfigur, die offenen Fragen aber bleiben.»  Thurgauer Zeitung

«Das Schicksal zwischen zwei Kulturen, Krieg, Elend, Asyl – das sind Sujets, von denen dieser Roman lebt und aus denen er sich entwickelt zu einer berührenden Geschichte ohne Ressentiments.»  CarpeGusta

«Usama Al Shahmani gelingt es, den reflexiven Umgang mit Eigenem und Fremdem, arabischem und deutschem Idiom, Trauer und Zuversicht sprachlich so zu verdichten, dass seine Prosa sich immer wieder zu lyrischer Bildlichkeit mit ausgeprägter Klangqualität verdichtet.»  literaturkritik.de

«Ein zart erzähltes Buch, dem man die Tradition des arabischen Geschichtenerzählers anmerkt, das einen klaren Blick verrät, nicht nur den in die Fremde und in die Nähe, sondern auch den in die Tiefe des Herzens.»  Literaturblatt.ch

«Ein anrührender poetischer Roman über Heimat und Heimatlosigkeit und den andauernden seelischen Spagat im Exil.»  Deutscher Bibliotheksdienst EKZ

 

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